Jahrgang 
100 (1997) / N.S. 51
Seite
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1997, Heft 1

Literatur der Volkskunde

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KROMER, Hardy, Adressat Gott. Das Anliegenbuch von St. Martin inTauberbischofsheim. Eine Fallstudie zur schriftlichen Devotion(= Studien& Materialien, Band 17). Tübinger Vereinigung für Volkskunde, 1996, 121Seiten, Abb.

Der jüngst erschienene Beitrag zu den Tübinger ,, Studien& Materialien"soll hier auch Anlaß geben, auf diese nunmehr in 17 Bänden vorliegendeReihe aufmerksam zu machen, in der seit 1989 Abschluß- und Projektarbei-ten, Tagungsberichte und Festgaben aus dem Umfeld des Ludwig- Uhland-Instituts veröffentlicht werden und die, als ,, kleine" Reihe aus dem Haspel-turm sich verstehend, durchaus Vorbildcharakter für einschlägige hiesigePublikationstätigkeiten haben könnte. Sicher, der universitäre Publikations-markt ist andernorts anders organisiert, neben der vorgeschriebenen Publi-kation von Dissertationen ist auch der Weg von Magisterarbeiten aus denInstituts- und Universiätsbibliotheken hin zu einer weiteren Öffentlichkeitin Deutschland eher gebräuchlich und so vorgegeben. Aber jenseits günsti-gerer Marktstruktur kann dort doch wohl auch auf ein entsprechendesReservoir an veröffentlichungswerten studentischen Projekten zurückge-griffen werden, Arbeiten, die in thematischem Zugriff fachliche Nischenoder wissenschaftliches Neuland betreten, aber ebenso sich nicht scheuen,auf traditionellen volkskundlichen Pfaden nach Neuem zu suchen.

Hardy Kromer hat sich in seiner Tübinger Magisterarbeit einem durchauskanonischen Thema zugewandt., Schriftliches Devotionswesen ist fürserste als ein klassisches Phänomen eines ebenso klassisch zu nennendenvolkskundlichen Arbeitsfeldes zu begreifen bei aller stiefmütterlichenBehandlung, die ihm eine, Volksfrömmigkeitsforschung' bislang angedei-hen ließ. Diese Defizite werden einleitend auch angesprochen und in einemeigenen Abschnitt jene beiden Untersuchungen vorgestellt, die in wie immerunterschiedlichem Ansatz erstmals und auch einzig in extenso sich solcher, religiösen Volksgraphologie', jenen schriftlichen Zeugnissen individuellerFrömmigkeit in Form von Graffiti, Votivinschriften ,, Briefen zum Himmel'oder eben Anliegen- und Fürbittbüchern gewidmet haben. Am Beispiel derUntersuchungen des 1996 verstorbenen Schweizer Priesters und Volkskund-lers Walter Heim über die Ingenbohler Grabbriefe und der religionssoziolo-gischen Analysen der Thierenbacher Gebetsanliegenbücher von GenevièveHerberich- Marx stellt Kromer jene zwei grundsätzlichen- und grundsätz-lich sich voneinander abgrenzenden- Zugänge vor, die in ihrer Inkommen-surabilität zugleich Spiegel differierender Wissenschaftstraditionen sind:Der Beschäftigung mit einer ,, sehr deutschen"( Wolfgang Schieder), Volks-frömmigkeit, die in Formen devotionaler, promulgatio ,, im Grunde einreligiöses Bekenntnis( Kriss- Rettenbeck) in gemeinschaftgebundenemKontext sieht, steht im anglo- und frankophonen Raum das nüchterner