Jahrgang 
100 (1997) / N.S. 51
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Literatur der Volkskunde

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seiner zusätzlichen Funktion als öffentliches Tagebuch und Debattier-bühne geoutet, stellt es die, permanente Selbstbeobachtung und Selbst-deutung ebenso unter Beweis, wie es Zeichen dafür ist, daß jene ,, Entzau-berungsphänomene nicht als Schwund, sondern als Verlagerung des Reli-giösen- weg von den, großen Transzendenzen, hin zum sakralisierten Ich"( S. 115) zu sehen sind: ,, Hinter den Briefen an den abstrakten, lieben Gott'verbirgt sich die narziẞtische Andacht zum Selbst. Soweit die Conclusio-distanziert, plausibel und theoretisch à la mode. Von den Nutzern der hieruntersuchten, immerhin ,, alltagsnah verorteten Anliegenbücher ist da frei-lich nicht mehr viel die Rede. Was hinter ihren ,, Anliegen im einzelnen"minutiös in Tabelle 9( S. 86 93) aufgelistet- liegen mag, entzieht sich demhier geleisteten interpretativen Zugriff aus hoher theoretischer, vielleicht einwenig jäh erklommener Warte. Aber vielleicht auch kann, was in der Quelle, Anliegenbuch als vermutete Befindlichkeit, als, sit venia verbo, Schicksaldes einzelnen in zuweilen wohl durchaus betroffen machender Unmittelbar-keit dem Rezipienten entgegentritt, tatsächlich wie vieles, was uns wirk-lich bewegt nur einfühlender Spekulation überlassen bleiben.

Herbert Nikitsch

LECOUTEUX, Claude, Charmes, conjurations et bénédictions. Lexique etformules. Paris, Honoré Champion Éditeur, 1996, 141 Seiten.

Den lexikonartigen alphabetisch aneinander gereihten Artikeln geht einefünf Seiten umfassende ,, Introduction voraus, die eine klare Informationdessen vermittelt, was der Autor im Folgenden über Zauber- und Segensfor-meln zu sagen beabsichtigt. Es fehlen dabei nicht die bekanntesten Sprüchewie ,, Abracadabra" oder die Satorformel, und zu manchen Stichwortenwerden auch Abbildungen geboten.

Manche Zauberformeln sind urtümlich französisch- wie etwa ,, Charmede sainte Suzanne( XIIIe siècle)"- und bei uns wenig bekannt und darumumso informativer. Andere.- vor allem Exorzismen stammen mehr ausdem germanischen Raum.

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In diesem großen Komplex entsteht lediglich eine gewisse Lücke, als dievorgelegten Sprüche aus dem Mittelalter stammen und nicht in die neuereZeit hineinreichen. Diese Akzentuierung hat auch wieder ihre Vorteile: DerWandel, den manche Formeln in den letzten Jahrhunderten gefunden haben,ist bekanntlich mehr verwirrend und die Herkunftssituation verschleiernd.In diesem Buch aber wird auf die Quellen zurückgegangen.

Bei manchen Formeln spielt freilich die Kabbala eine noch größere Rolleals Lecouteux annimmt. Und etymologisch umstritten wird wohl immer dereine oder andere Ausdruck bleiben, wie z.B. ,, Kakukakilla, das der Autor