Österreichische Zeitschrift für Volkskunde Band LI/ 100, Wien 1997, 223–238
Wechselbeziehungen zwischen kirchlichen undsäkularisierten Bräuchen in der Slowakei in der 2. Hälftedes 20. Jahrhunderts am Beispiel der Familienrituale
Zuzana Beňušková
Weltliche Bräuche, verglichen mit kirchlichen, standen wäh-rend der gesamten Menschheitsgeschichte immer in einerArt Spannungsverhältnis zueinander. Unter dem kommunisti-schen Regime wurde diese Spannung durch die Ideologie derherrschenden Partei noch verstärkt. Kommunisten verwende-ten kirchliche Bräuche als Werkzeuge im Kampf um dieMacht. Obwohl diese Spannungen nach 1989 nicht mehr sooffenkundig waren, stellten sie ein störendes Element in derEntwicklung der Gesellschaft dar, an welches man sich so-wohl psychologisch als auch praktisch anpassen mußte. MitRecht läßt sich von einem Beziehungsproblem zwischen welt-lichen und kirchlichen Bräuchen während des Zeitraums von1948 bis 1989 sprechen. Die Menschen mußten in den ent-scheidenden Lebenssituationen Lösungsansätze dafür suchen.Es entwickelten sich Modelle möglicher Stereotypen vonLösungen für diesen Konflikt, welche in die bestehendengesellschaftlichen Beziehungen, Normen und Werte hinein-paẞten. In welchem Ausmaß man über diese StereotypenBescheid wußte und wie man sich dazu verhielt, war einThema dieser Forschung zwischen 1984 und 1994. Die Un-tersuchungen wurden sowohl hinsichtlich der Schaffung einerAlltagskultur im Verhältnis zum politischen System und dendas System repräsentierenden politischen Institutionen alsauch bezüglich der Veränderungen individueller und gesell-schaftlicher Werte angestellt.
Die diskontinuierliche Entwicklung in den Ländern des ehemaligenOstblocks stellt aus ethnologischer Sicht eine besondere Gelegenheitdar, die Wechselwirkungen von Funktionsprinzipien in Kultur undGesellschaft zu vergleichen. Geht man an die Untersuchung derLebensweise im kommunistischen Regime nicht primär unter einemaxiologischen und politischen Aspekt heran, so wird deutlich, daß in