Österreichische Zeitschrift für Volkskunde Band LI/ 100, Wien 1997, 249-258
Chronik der Volkskunde
Herder- Preise 1997:
Univ.- Prof. Dr. Oskár Elschek-
Prof. Dr. Dunja Rihtman- Auguštin
Aus der Laudatio bei der feierlichen Überreichung am 7. Mai 1997Europa ist in den vergangenen sechs Jahren größer geworden. Ich meine dasEuropa, das in den Jahrzehnten seit dem Zweiten Weltkrieg allmählich dieunheilvollen Zwistigkeiten und Animositäten zwischen seinen einzelnenVölkern überwunden hat, das sich auf seine gut zweieinhalb Jahrtausendealten Traditionen besinnt und zu einem freiheitlichen, zu einem demokrati-schen Völkerverbund zusammenzuwachsen beginnt. Zahlreiche kleine undgroße europäische Völker waren ein halbes, ja ein dreiviertel Jahrhundert,unter dem Joch eines totalitären Regimes versklavt, das hinter einer interna-tionalen und sozialen Maske eine hypernationale, d.h. russische, alle zuseinem Machtbereich gehörigen Völker verschlingende, kolonialistischePolitik betrieb. Aber ,, Staatsmaschinen", wie Johann Gottfried Herder sol-che totalitären Machtgebilde genannt hat, die den ,, Genius der Humanität“unterdrücken ,,, werden sich auflösen, wie alles sich aufgelöset hat. Sietragen die Ursachen ihres Verfalls... in ihrem Innern“. Diese prophetischenWorte Herders haben sich auch im historischen Schicksal der früherenSowjetunion bewahrheitet. Wir haben das wider alles Erwarten vor wenigenJahren miterleben dürfen. Und nun sind zahlreiche Völker, die von diesemMoloch okkupiert oder weitgehend beherrscht waren, wieder zu selbständi-gen demokratischen Staaten geworden, die sich in unser neues, im Werdenbegriffenes Europa zu integrieren beginnen. Dieser Prozeß geht nicht ohneSchwierigkeiten vor sich, und wir können nur mit Herder hoffen, daß indiesem Europa der Zukunft die ,, Vernunft einmal so viel Wert gewinnenwird, daß sie sich mit Menschengüte vereinigt“, so daß endlich eine wahrhaft,, schöne Jahreszeit für die Glieder der Gesellschaft unseres ganzen Ge-schlechts" anbrechen kann.
Eine eigenständige kulturelle Entwicklung in Unfreiheit ist nur begrenztmöglich, und wenn es nach dem Willen der Unterdrücker ginge, sollte siegänzlich zugunsten einer einheitlichen, ihre Macht stützenden, aufgegebenwerden. Es war für die unterjochten Völker ein Glück im Unglück, daß demkommunistischen Block ein anderer in der freien Welt gegenüberstand, aufden seine Machthaber aus wirtschaftlichen und ideologischen Gründen bis