1996, Heft 2
Literatur der Volkskunde
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auch von Ängsten und sexueller Belästigung, von Heimweh und leidvollenVerlusterfahrungen. Außerordentliche Begebenheiten würzen die Erinne-rung und werden mit entsprechender Dramatik geschildert: die Begegnungmit dem württembergischen König und anderem Adel; die Flucht aus einerklösterlichen Arbeitsstelle im Alter von gerade zwölf Jahren, allein über dieGrenze nach Schwaben; das gefundene Portemonnaie, reich gefüllt mit Geldund unanständigen Abbildungen der anständigen Gesellschaft, das ein Pro-fessor verloren hatte, der Regina reichen Finderlohn dafür gibt; der Dienst-botenball...
Regina Lamperts Erinnerungen sind Quelle und Roman zugleich, Schil-derung und Erzählung. Mit schwerelosen Spannungsbögen baut die Ich- Er-zählerin, die nie ,, Ich“ sagt und die nur an wenigen Stellen aus der schrei-benden Gegenwart heraus an sich selbst erinnert, ihre ,, Entwicklungsge-schichte“( S. 27) auf. Mit erzählerischem Talent scheidet sie im stilistischenAufbau Schilderungen, Überlegungen, Gedanken, Träume und wörtliche Rede,sodaß die erinnerten Situationen mit großer Lebendigkeit daherkommen.
,, Die Schwabengängerin“ ist ein rares und preziöses Dokument, eineaußerordentliche Quelle, in der die Genese einer biographischen Erfahrungweiblichen Selbst- Bewußtseins aus eigener Sicht nachgezeichnet ist. Eingroßes Maß an Eigenverantwortung, das dem Kind schon früh abgefordertwird, geht einher mit aus der Notwendigkeit resultierender ökonomischerSelbständigkeit, die ihr selbstbewußtes Denken und Handeln bestimmen.Der Stolz auf ihre Arbeitskraft und das verdiente Geld, die ihr die Rolle derKompetenten und aktiv Gebenden ermöglichen, sind ihr Lohn für die Härteund Schwere der Existenz( bedingung).
Für die interessierten LeserInnen bleibt am Ende zu hoffen, daß die Bändeder, volkskundlichen Reihe auch künftig in so kundige Herausgeberhändegelegt werden, und daß über das bisherige Verhältnis 2: 9( bei Redaktions-schluß 2:13) hinaus nach weiteren von Frauen erzählten Lebensläufen Aus-schau gehalten wird.
Johanna Rolshoven
ENDRES, Werner, Gefäße und Formen. Eine Typologie für Museen undSammlungen. Museums- Bausteine, Bd. 3, München, Weltkunst- Verlag,1996, 191 Seiten.
Im vorliegenden Buch hat Werner Endres, Inhaber des Lehrstuhls für Phar-mazeutische Technologie an der Universität Regensburg, langjähriger Leiterdes Arbeitskreises für Keramikforschung und Organisator des alljährlichstattfindenden internationalen Hafnerei- Symposiums, sein umfangreiches