1996, Heft 2
Literatur der Volkskunde
271
14seitige ,, Wort- und Sacherklärung“ dem Anhang beigegeben. Für denInteressierten bieten diese Erzählungen mancherlei an Unbekanntem wieauch an Parallelen zu gängigen Geschichten. Darüber hinaus wird es dasBuch schwer haben, zu dem rechten Verständnis dieser uns ziemlich fremdenWelt zu führen. Umso mehr Anerkennung und Zuspruch verdient das Bemü-hen Eichers.
Felix Karlinger
WALTER, Philippe( Hg.), Saint Antoine entre mythe et légende. Textesréunis. Grenoble, ELLUG, Université Stendal, 1996. 197 Seiten.
An diesem Sammelband haben neben dem Herausgeber Walter, der auchselbst zwei Beiträge verfaßt hat, folgende Wissenschaftler mitgearbeitet:Monique Alexandre, Pierre Brunel, Gilbert Durand, Olivier Munnich,Chaoying Sun, Gaston Tuaillon. Es handelt sich bei diesem Buch um deninteressanten Versuch, auf den Archetypus des großen Wüstenheiligen zu-rückzuführen. Insbesondere werden die schamanistischen Eigenheiten unddie Parallelen zu ähnlichen Gestalten untersucht. So deckt etwa Sun in einemKapitel ,, Un saint Antoine chinois au Gobi“ Gemeinsamkeiten mit der Figurdes Bonzen Tangseng auf.
Der Band enthält eine Fülle von Gedanken und etliche wichtige einschlä-gige Texte aus dem Mittelalter. Doch werden darüber keineswegs die altengriechischen Quellen vernachlässigt- so gilt auch die Vita des Heiligen inder Fassung von Athanasios als besonderer Beleg.
Spezielle Analysen gelten den verschiedenen auftretenden Dämonen,ebenso der Funktion wilder oder mythischer Tiere wie Kentauren undEinhorn. Desgleichen werden andere Eremitengestalten vergleichsweiseherangezogen und in ihren Funktionen untersucht, sogar Genovefa und ihreHindin klingen in der Betrachtung an. Ein dreiseitiger Index erleichtert dieBenützung der in diesem Buch ausgewerteten Phänomene. Was bedauerli-cherweise zu kurz gekommen ist, liegt im Bereich neuerer Volkserzählun-gen. Noch vor zwei Jahrzehnten waren Erzählungen von Antonius alsFeuerbringer im westlichen Mittelmeer( Sardinien, Korsika, Pyrenäen) häu-figer zu finden. Das Prometheische des hl. Antonius gibt seinem Gang in dieHölle den eigentlichen Sinn und stellt ihn deutlich als eine kulturbringendeGestalt heraus. Dieser Hintergrund liegt bereits bei der chinesischen Paral-lelgestalt vor und wird im Kapitel ,, Feu, flammes, incendies"( S. 60) be-schrieben.
Das Buch enthält eine elfseitige Bibliographie und zahlreiche klug aus-gewählte Abbildungen, die insbesondere auch eine Vorstellung von der