Jahrgang 
100 (1997) / N.S. 51
Seite
301
Einzelbild herunterladen
 

Österreichische Zeitschrift für Volkskunde Band LI/ 100, Wien 1997, 301- 327

Schlangenhaut am Wege

Über einige Gründe unseres Vergnügens an musealen Objekten

Martin Scharfe

Ars longa, vita brevis- es ist eine alte Weisheit, daß dasStabile an der von Menschen gemachten und an der denMenschen machenden Kultur die Werke sind, die kulturellenObjektivationen. Um aber jenseits des vergänglichenmenschlichen Lebens Dauer zu erlangen, müssen sich dieWerke vom Menschen abtrennen. Dieser Vorgang der Abtren-nung und der Entäußerung oder Entfremdung ist zum einenobjektive Notwendigkeit; zum andern enthält er ein melancholi-sches oder gar tragisches Moment, ein Moment des Unbehagens.Darüber hinaus aber und im Widerspiel dazu- und drittens-bringt der Vorgang der Abtrennung des Werks auch Lust.Diese drei Aspekte überträgt der Autor auf die musealenObjekte und interessiert sich dabei besonders für den Aspektder Lust, der aus der Entfremdung resultieren kann. Es könntesein, mutmaßt er, daß sich unser Vergnügen an den musealenGegenständen der alten Kultur nicht zuletzt auch der Genug-tuung verdankt, daß diese Kultur überwunden ist, und daß wir inder Betrachtung ihrer Überreste ein grausiges Vergnügen emp-finden wie bei der Betrachtung von Beutestücken und Trophäen.Es könnte also sein, daß das Vergnügen am Alten auf paradoxeWeise verlötet ist mit dem Denkzwang Fortschritt.

Ich möchte heute einige vielleicht gewagt erscheinende Gedanken-gänge unternehmen so gewagt, wie es eben ist, wenn man sich andas auf den ersten Blick lustige, auf den zweiten aber ungemütliche,ja beunruhigende Motto dieses Hauses halten will: Vogel pack dichselbst an deiner Nasen! Erkenne dich selbst! Denn möglicherweiseist es gar nicht ungefährlich, vielleicht sind die Resultate befremdendoder doch wenigstens fremd, wenn wir fragen: Was geht da in unsvor, wenn wir Relikte alter Kultur sammeln, wenn wir Museum* Vortrag anläßlich der Ordentlichen Generalversammlung 1997 des Vereins fürVolkskunde in Wien am 11. April 1997 im Österreichischen Museum für Volks-kunde, Wien.