Österreichische Zeitschrift für Volkskunde
Band LI/ 100, Wien 1997, 329- 353
Freizeit, Zeitmangel und Mechanisierung
Bernd Rieken
Obwohl sich der Freizeit- Gedanke im Laufe des 20. Jahrhun-derts in breiten Bevölkerungsschichten durchgesetzt hat, klagtein zunehmender Anteil der Bevölkerung über Zeitmangelund Streß. Um dieses zunächst widersprüchlich erscheinendePhänomen besser verstehen zu können, soll es unter demanthropologischen Aspekt der Mechanisierung betrachtetwerden. Nach einem kurzen Überblick über die Entwicklungder arbeitsfreien Zeit seit der Antike wird zunächst die Bedeu-tung der Mechanisierung für die moderne Gesellschaft skiz-ziert, wodurch deutlich werden soll, wie sehr sie, weitgehendunbemerkt, den Alltag der Menschen beherrscht. Im Hauptteilder Arbeit werden unter dem Blickwinkel der Mechanisierungausgewählte Beispiele aus dem Bereich der Freizeit- Kulturbeschrieben und Zusammenhänge mit dem Problem des Zeit-mangels transparent gemacht.
1. Problemstellung
Die Trennung zwischen Arbeitszeit und Freizeit ist ein neuzeitlichesPhänomen, das vorindustriellen Gesellschaften nicht bekannt ist.Zwar ist in quantitativer Hinsicht die arbeitsfreie Zeit zwischenAntike und Mittelalter mit der der Gegenwart vergleichbar- ungefähr150 bis 200 arbeitsfreie Tage bei ungefähr 2300 Stunden Arbeitszeitjährlich, doch wird damit nur wenig im Hinblick auf die Verfüg-barkeit über Zeit und die subjektive Erlebnisqualität von Zeitab-schnitten ausgesagt, und das aus mehreren Gründen. Zum einen wardie arbeitsfreie Zeit in früheren Epochen großenteils durch allgemeinverbindliche Aktivitäten wie Kultausübung, Teilnahme an Spielen,Festen und Feiern festgelegt, und zum anderen erfuhr die Arbeit eineandere Bewertung, als es in der Moderne bzw. gegenwärtig der Fall
1 Mueller, Hansruedi, Bernhard Kramer, Jost Krippendorf: Freizeit und Tourismus.Eine Einführung in Theorie und Politik. Bern 1993, S. 10.