Österreichische Zeitschrift für Volkskunde
Band LI/ 100, Wien 1997, 395-421
Literatur der Volkskunde
FABRE, Daniel( Hg.): L'Europe entre cultures et nations. Actes ducolloque de Tours, décembre 1993(= Mission du Patrimoine ethnologique.Collection Ethnologie de la France. Regards sur l'Europe 10). Textes réunispar Claudie Voisenat et Eva Julien. Paris, Éditions de la Maison des sciencesde l'homme, 1996, 342 Seiten.
Ein internationaler Kongreẞ widmete sich im Dezember 1993 einem Thema,das bis heute nichts von seiner Aktualität verloren hat: Über 250 europäischeEthnologen, Museumsexperten und Kulturhistoriker setzten sich mit Patri-moine, Identität und Nation auseinander( vgl. Tagungsbericht in ÖZV 97[ 1994], S. 158 ff. Zum Begriff des Patrimoine vgl. ÖZV 98[ 1995],S. 217 ff.). Zu dieser durchwegs lebendigen und anregenden Tagung ist nuneine französischsprachige Publikation erschienen, die zwanzig der dortvorgetragenen Referate in erweiterter Fassung präsentiert. Ausgangspunktsowohl des Kongresses als auch der Publikation war die Frage, wie Ethno-logen selbst an identitäts- und sinnstiftenden Prozessen teilhaben und wiesie diese kritisch durchleuchten können. Die Publikation folgt nicht striktdem Tagungsprogramm und versucht, die Aufsätze unter drei Aspekten zubündeln.
In der Einführung steckt Daniel Fabre( Toulouse) zunächst das Terrainab. Er stellt Patrimoine, Identität und Nation in einen Zusammenhang undhält ihre Berührungspunkte fest. Das Verständnis von Patrimoine hat seitseinem verstärkten Auftauchen in den siebziger Jahren in Frankreich starkeWandlungen erfahren. Zunächst war Patrimoine als nationales Kulturerbeverstanden worden, bis ,, national" durch ,, kulturell" ersetzt worden war. Dader Begriff von ,, la patrie“, Vaterland, zunehmend an Wichtigkeit verlor,erhielt Patrimoine einen emotionalen Zuschnitt und eignete sich fortan umsobesser für Identifikationen: Die eigenen Spuren sollen zunehmend bewahrtwerden. Dementsprechend hat sich die Bedeutung von Patrimoine, vonBauwerken ausgehend, erheblich erweitert, Räume und Landschaftenmiteinbezogen, aber auch Formen der kollektiven Erinnerung. Damit ist einweiteres Phänomen verknüpft: die Suche nach der Antwort auf die Frage,was die Menschen voneinander unterscheidet, das Kulturelle oder das Eth-nische. In diesem Spannungsfeld sind die Beiträge angesiedelt, was auchschon der Titel des Bandes„ Europa zwischen Kulturen und Nationen"andeutet.