1997, Heft 3
Literatur der Volkskunde
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SAMMER, Marianne, Die Fastenmeditation. GattungstheoretischeGrundlegung und kulturgeschichtlicher Kontext( Kulturgeschichtliche For-schungen, hg. von Dietz- Rüdiger Moser, Bd. 22). München, tuduv Verlags-gesellschaft 1996( Dissertation Universität München 1995), 287 Seiten.
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In eine der heutigen Volkskunde/ Ethnologia Europaea auch wegen derVielzahl schwer zugänglicher handschriftlicher oder selten nachgedruckterQuellen im besonderen Barock- Latein- weit entfernt scheinende Fremdeführt diese Münchener Dissertation von Frau M. Sammer, derzeit Assistentinam Institut für Bayerische Literaturgeschichte( Prof. Dietz- Rüdiger Moser).Sie berichtet über eine ,, Erfindung“ der Jesuiten, getragen zumeist von denMarianischen Kongregationen mit Bühnentexten und musikdramatischerGestaltung, die ihrerseits in der Überfülle von ,, Jesuitendramen" als Auffüh-rungspraxis an den Gymnasien des Reformordens, und dies vor angestrebtbreiter ,, Öffentlichkeit“ von Adel und ausreichend sprachgebildetem Bür-gertum der Städte, als ein Besonderes in der Barocküberlieferung allergegenreformierten Landschaften Europas gelten kann. Es zeigt sich alsErgebnis dieser Studie, daß die ,, Fastenmeditation“( FM) in ihrer Bühnen-form eigenen dramatischen Gesetzen folgt; daß sie innerhalb der Schul- undErziehungspraxis eine gewisse, zwar nicht dem„, Drama“ vergleichbare,immerhin gut ein Jahrhundert übergreifende Lebensdauer als regelrechteBrauch- Institution darstellt. Die Querbezüge zur Liturgie, zum Oratorium,zum opernhaften Musikleben an den Ordensbühnen lassen deutlich auchVerbindungen zu jenem Bereich geistlich- geistigen Lebens erkennen, denwir mit dem nur schwer zu definierenden Begriff ,, Volksfrömmigkeit“umreißen. Das muß eben auch das Interesse der Sonderdisziplin ,, ReligiöseVolkskunde" in unserem Fache wecken und Gewinn bringen für die Erkennt-nis der dahinter stehenden Absicht, den Rahmen zum auch inneren Erlebender Passio Domini in der zeitbegrenzten Fasten- Periode des Kirchenjahresals eine bewußt auf Musisches setzende Sondergattung der theologischgezielten Erweckung von Gemütskräften zu erkennen. Daß es bei der um-fangreichen Untersuchung reicher Bestände der Bayerischen Staatsbiblio-thek in München, abgefaßt im Neu- Latein des Frühbarock, notwendig wur-de, für die Vielzahl beigebrachter Textproben die für uns fast rätselhaftbleibenden Kürzeln in eine Auflösung zur leichteren Lesbarkeit zu bringen,insgesamt ,, eine einheitliche lateinische Diktion“ anzustreben, ist dankbar
anzuerkennen.
So erst konnten formale Bestimmungen der FM als Gattung, ihre Inten-tion als ,, Brauch", gesehen im Thema wie in der Grundabsicht als meditatio,beigebracht werden. Eine ,, Bühnenmeditation" durch den Schauenden, er-leichtert im Gesichts- wie im Hör- Sinn, führt eben genau nach der Empfeh-lung des Ordensgründers Ignatius von Loyola( 1491- 1556) dorthin, wohin