1997, Heft 3
Literatur der Volkskunde
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Bauernstil" bezeichnete. Zell steht so stellvertretend für die Aufnahme derVolkskunst in das Stilrepertoire nicht nur der Firma Schoyerer, steht exem-plarisch für die Anregungen zu deren Neuschaffung, wie sie von konserva-tiver Kulturkritik und auf der Suche nach einem ,, nationalen Stil" despolitisch geeinten Reiches propagiert wurde. Von dieser Schlüsselfigurausgehend, werden die Wege der Vermittlung der Idee ,, Volkskunst" und dieZirkulation der konkreten Vorlagen für bemalte Bauernmöbel verfolgtGewerbeausstellungen, Messen, Kunstgewerbe- und Handwerkszeitschrif-ten, Museen und frühe volkskundliche Institutionen.
Der reich illustrierte Band ist ebenso gediegen gestaltet wie sorgfältigredigiert. Der ausführliche Anhang enthält nicht nur Anmerkungsapparat,Quellen- und Literaturverzeichnis, Namens- und Ortsregister und zweiAutobiographien von Mitgliedern der Schoyererdynastie. Er bietet aucheinen Katalog der im Firmenarchiv befindlichen Möbelentwürfe und einekommentierte Auflistung der Ausstellungs- und Museumsprojekte FranzZells, dessen Person in dem vorliegenden Werk weit über seine Rolle alsVater der bayerischen Volkskunstforschung"( J. M. Ritz) hinaus auf denfachgeschichtlich so bedeutsamen Schnittpunkt von Volkskunde, Kunstge-werbe, Gewerbeförderung und Heimatschutz und so in das Ineinander vonwissenschaftlichen, ökonomischen und gesellschaftspolitischen Mechanis-men der ,, Produktion“ von Volkskunst gestellt wird.
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Herbert Nikitsch
LENZIN, Danièle,„ Folklore vivat, crescat, floreat!" Über die Anfängeder wissenschaftlichen Volkskunde in der Schweiz um 1900(= ZürcherBeiträge zur Alltagskultur 3). Zürich, Volkskundliches Seminar der Univer-sität Zürich, 1996, 190 Seiten.
Wenn es stimmt, daß die ganze Welt Bühne ist, dann spielt in diesem oftschwer einsichtigen universalen Theater die Institution des Vereins eine fürden Zuschauer dankenswerte Rolle. Sie ist in sich selbst ein kleinesSchaustück mit statutarisch festgelegtem Programm, das fixen Regeln folgt,Handlung, dramatis personae und Requisiten bestimmt und so einen Ein-blick in historische Interessen und gegenwärtige Belange ihres Umfeldsermöglicht. Einem wissenschaftlichen, nationale Volkskunde repräsentie-renden Verein ist dabei der Schauplatz nicht nur durch politisch- gesellschaft-liche Konstellationen vorgegeben; seine Dramaturgie, seine als Gründer undMitglieder auftretenden Akteure spiegeln wie die Regie seiner Aktivitätenzugleich den Entwicklungsstand der jeweiligen Disziplin.