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Literatur der Volkskunde
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Volkskunde“( S. 7) zu fokussieren. Verdienstvoll beispielsweise die biogra-phischen Skizzen zu sechzig Erstmitgliedern der SGV sowie die Auswertungvon Daten der ersten 300 Mitglieder nach Kategorien ihrer gesellschaftli-chen, beruflichen oder regionalen Herkunft, angesichts deren sich allerdingswieder eine unbeschadet der ,, Spezifik des schweizerischen Prozesses"( S. 7) doch bemerkenswerte Ähnlichkeit in der Entwicklung österreichi-scher und schweizerischer Volkskunde feststellen läßt. Dabei werdenneben auffallenden zeitlichen Koinzidenzen und formalen Analogien bei denjeweiligen Gründungsaktivitäten( hier spiegelt sich die programmatischeParallelität etwa in den annähernd identen Formulierungen der jeweiligenUnterstützungs- und Beitrittsaufrufe)- v.a. zwei Punkte deutlich: Die Rollevon Einzelforschung und Einzelforschern- mit allen daraus resultierendenHemmnissen bei der Herausbildung einer scientific community und damiteines Konsenses in den theoretischen und methodischen Grundlagen desFaches- und die Problematik einer nebenbei, gleichsam als grauer Sektordes Fachbetriebs existierenden Amateur- Volkskunde, die durch den statuta-risch festgelegten Vorsatz des schweizerischen wie des österreichischenVolkskundevereins, durch Zusammenführung von Fachleuten und sog.,, Laienforschern" der Disziplin Öffentlichkeit zu erschließen, gewisser-maßen abgesegnet wurde. Ihr mag es auch zu verdanken sein, daß in denersten Phasen der jeweiligen akademischen Etablierung des Faches- etwaanno 1924 Gerambs Habilitation in Graz oder 1945 das ExtraordinariatWeiss' in Zürich – die offiziellen Begründungen sind kaum unterschieden,vorrangig kulturpolitisch und affirmativem Heimat- und Staatsbewußtseinverpflichtet argumentierten, und solcherart jene frühe Volkskunde in hohemGrade an außerwissenschaftlichen Zielen im Sinne ihrer ,, Angewandtheit"orientiert war. Auch solche, wie immer chronologisch inkongruente Paral-lelen zu ziehen, animiert Lenzins Arbeit, die viel Bekanntes, manches Neueund in summa Anregendes bietet.
Herbert Nikitsch
GEERTZ, Clifford, Spurenlesen. Der Ethnologe und das Entgleiten derFakten. München, C. H. Beck, 1997, 220 Seiten.
Wie vor allem der Originaltitel- ,, After the Fact: Two Countries, FourDecades, One Anthropologist"- verrät, handelt es sich hier um das Resümeeder Ethnologenkarriere von Clifford Geertz, die ihren Anfang 1950 inHarvard nahm und über Chicago 1970 nach Princeton führte, wo der 1926geborene Geertz heute noch Professor am Institute for Advanced Studiesist.