542
Chronik der Volkskunde
ÖZV LI/ 100
12. Tagung der Internationalen Gesellschaft
für Rechtliche Volkskunde
Berchtesgaden 30. Mai bis 1. Juni 1997
Die Internationale Gesellschaft für Rechtliche Volkskunde hatte zu ihrerjährlichen Wochenendtagung diesmal nach Berchtesgaden eingeladen. Lei-der ließ der Besuch trotz eines ansprechenden Programms zu wünschenübrig. Denn nur etwa 30 Wissenschaftler aus dem europäischen In- undAusland waren der Einladung gefolgt, sodaß die Liste der Absagen undEntschuldigungen fast größer war als diejenige der Zusagen. Das Programmbot neben drei höchst gehaltvollen Vorträgen einen Stadtrundgang untersachkundiger Führung sowie einen Ausflug zum nahegelegenen Königsseemit Schiffsrundfahrt und einer gemeinsamen Wanderung zum Hintersee.
Gastfreundlich hatte das Nationalparkbüro in seinem Hause einen Vor-tragssaal zur Verfügung gestellt, der über die notwendige technische Ein-richtung verfügte. Denn alle Referenten hatten ihre Ausführungen mit Hilfevon Dias unterstrichen. Die Auswahl der Referenten entspricht dem Ziel derGesellschaft, länderübergreifend tätig zu sein.
1
Nach der offiziellen Begrüßung am Samstagvormittag durch den amtie-renden Präsidenten Univ.- Prof. Dr. Peter Putzer( Salzburg) referierte zu-nächst Univ.- Prof. Dr. Elfriede Grabner( Graz) zum Thema ,, Strafvollzugals Christusmarter Passionsszenen in der apokryphen Überlieferung desVolksbarock". Die unbekannten und geheimen Leiden Christi, wie sie etwaMartin von Cochem und andere Hagiographen schildern, hatten auch zubildhaften Darstellungen geführt, wobei die expressive volksfromme Bilder-welt des Volksbarock Anleihen bei den juristischen Holzschnittbüchern derZeit nahm. Motive wie Christus auf dem Dreikant, worüber Leopold Kret-zenbacher eingehend berichtet hat¹, die Kleidersuche oder die Anbindung andie Geißelsäule als eigentlicher Beginn der Hinrichtung finden ihre Entspre-chung auch im Volksschauspiel bis in die Gegenwart, wenn auch die Auf-klärung manche Überlieferungsstränge hat abreißen lassen. Die Referentinkonnte die Entwicklung anhand einer Vielzahl einprägsamer Bilder verdeut-lichen.
Mit kleinen Kunstwerken der Architektur, nämlich mit Rathäusern vorallem aus dem 17. Jahrhundert in Nordholland, beschäftigte sich Dr. Marga-riet Becker- Moelands vom niederländischen Institut für rechtshistorischeDokumentation in Den Haag. Ihr ging es im wesentlichen um die Vorstellungder hauptsächlich vorkommenden Haustypen, die von dem eines kleinenWohnhauses mit zur Straße zeigendem Giebel über Saalbauten mit seitli-chem Giebel schließlich zu der größeren Form eines rechteckigen Gebäudesmit drei Giebeln reichen, dessen 1. Stock oft über eine Doppeltreppe von derStraße aus zugänglich ist, während das Erdgeschoß als Warendepot und