Österreichische Zeitschrift für Volkskunde
Band LI/ 100, Wien 1997, 549- 588
Literatur der Volkskunde
STOLLER, Paul, Sensuous Scholarship. Philadelphia, University ofPennsylvania Press, 1997, xviii+ 166 Seiten, 20 s/ w- Abb., Bibliographie,Index.
,, Steif vom langen Schlaf, sehnt sich der Körper des Wissenschaftlers, sichseiner Muskeln zu bedienen“, schreibt der Afrikanist Paul Stoller in seinemPlädoyer für eine sinnliche Kulturwissenschaft( S. xi). Stoller hat bereits1989 einen Essay über die Entschlüsselung kultureller Erfahrung durch denGeschmackssinn vorgelegt( The Taste of Ethnographic Things). In seinemneuesten Band sucht er nach einer ethnographischen Praxis und einer ethno-logischen Theorie, die dem Körper und seinen Sinnen als Orten der Erfah-rung und des Wissens genügen. In einem Prolog verweist Stoller auf dieVerdienste neuerer feministischer und poststrukturalistischer Arbeiten füreine solche körperzentrierte Praxis und Theorie, bedauert jedoch zugleich,daß gerade diese neuen, dekonstruierenden Ansätze in ihrer abstraktenSprache ,, gehirnträchtig“ und damit blut- und körperlos erscheinen. Auf-grund seiner afrikanischen Erfahrungen sieht Stoller die westliche Dechif-frierung von Körperlichkeit als limitierend, wird doch der Körper oft als Textbetrachtet und somit„, gelesen“,„, ein analytisches Vorgehen, das den Körperseines Geruchs und Geschmacks, seiner Befindlichkeit und seines Schmer-zes, seiner Sinnlichkeit entleert“( S. xiv).
Vorausgeschickt sei, daß Stollers Buch in der Tat flüssig und eingänglichverfaßt ist, der Jargon sich in Grenzen hält und die erzählenden Passagenzum Einfühlen wie zum Eindenken laden. Freilich: selbst die eingangs undam Schluß eingeflochtenen Sufi- Erzählungen, die symbolisch breitere Ver-gleichsebenen eröffnen, bleiben, wie es die Konventionen eines Bucheserfordern, vertextet. Stollers durchgängige Auseinandersetzung mit diversenliterarischen Autoren sowie, im letzten Kapitel, mit Antonin Artauds ,, Thea-ter der Grausamkeit“ und den Filmen von Jean Rouch( wie auch in seinemBuch The Cinematic Griot: The Ethnography of Jean Rouch, 1992) weisenjedoch auf die Versuche( oder auch Versuchung) hin, andere Medien derWissensvermittlung zu ergründen. Die gesamthafte Fragestellung, die Neu-gierde an einer Wissensergründung, die den Körper aus seinem seeligenSchlaf ,, im analytischen Nirwana" erweckt und somit zu einer Art desWissens ertastet, das nicht nur das Curriculum Vitae, sondern auch ,, dieLebensqualität bereichert“( S. xvi), sowie die transkulturellen Komponen-