1997, Heft 4
Literatur der Volkskunde
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werden die Körper einiger Songhay in Geisterritualen zu Medien für Geister.Stoller widmet das dritte Kapitel den Hauka, einer Sorte von Geistern, diedie europäische Macht darstellen: ,, Sie stöhnen, brüllen und hämmern ihreBrust mit geballten Fäusten, während sie durch den Sand stampfen. Speichelfließt von ihrem Mund. Sie stammeln. Ihre Augen lodern.“( S. 48) Siesprechen Pidgin- Französisch, und die Art, wie sie sich durch den Körperihres Mediums äußern( und die sich von andern Songhay Geisterverkörpe-rungen unterscheidet), ist für Stoller eine sinnlich vermittelte kollektiveErinnerung kolonialer Herrschaft. Die westliche Aneignung und Reflektie-rung des Exotischen Glossar ::: zum Glossareintrag Exotischen läßt sich in Texten und Artefakten reich belegen; wieumgekehrt die Europäer kulturell ,, rezipiert“ wurden, ist eine kaum erkun-dete Geschichte. Mit Stoller kann man argumentieren, daß diese unbekannteGeschichte nicht zuletzt unserer Vernachlässigung körperlich vermittelterGeschichtlichkeit zuzuschreiben ist.
Das vierte Kapitel- zum ,, Museum der sinnlichen Abwesenheit"- ver-sucht, ein vergleichendes Gerüst zu europäischer Erfahrung und Indoktrina-tion von Körperlichkeit aufzubauen. Es werden Beispiele aus Schweden undGriechenland herangezogen und erste Bezüge zum cinematographischenSehen und Wissen skizziert. Doch gleich dem fünften Kapitel über denafrikanischen Markt in New York bleiben die sensorischen Ansätze hierweniger entwickelt. Es ließe sich jedoch sicherlich, auf Stollers Skizzenaufbauend, über komplexe Gesellschaft, Staat und Körperlichkeit weiternachdenken oder der bezug zu neueren europäischen Arbeiten, die demAfrikanisten nur ansatzweise bekannt zu sein scheinen, genauer überdenken.
Eine sich auf die Sinne besinnende Wissenschaft, so hofft Stoller, ermahntzur Bescheidenheit, indem sie zeigt, wie wenig wir in aller Gelehrtheitwissen. Ob eine vermehrt resultat- und markt- orientierte akademische Weltsich mit einer bescheidenen, auf bessere Lebensqualität sich besinnendenKulturwissenschaft anfreunden kann, bleibt allerdings offen.
Regina Bendix
HAUER, Gerlinde, Roswitha MUTTENTHALER, Anna SCHOBER,Regina WONISCH, Das inszenierte Geschlecht. Feministische Strategienim Museum. Wien/ Köln/ Weimar, Böhlau Verlag, 1997, 318 Seiten, s/ w- Abb.
Im Rahmen der Frauen- und Geschlechterforschung wurden in den letztenbeiden Jahrzehnten nicht zuletzt in den Geschichts- und Kulturwissenschaf-ten umfangreiche Forschungsergebnisse präsentiert. Indikatoren dafür sindneben den sich beständig vermehrenden einschlägigen Titeln am Buchmarkt