560
Literatur der Volkskunde
ÖZV LI/ 100
THEOCHARI, Maria( ed.), IIapaµvládɛs, лapαµúеɩα[ Märchenerzäh-ler, Märchen]. Athen ,,, Zeta“-Verlag 1994, 275 Seiten, 20 Abb. auf Taf. undim Text.
Im kleinen Dorf Dori im Hochland von Triphylia südlich von Olympia inder Peloponnes unternimmt eine Gymnasiallehrerin ein pädagogisches Ex-periment: Märchenerzählen bei ihren Schülern wieder ,, salonfähig“ zu ma-chen. Der erste Schritt dazu besteht darin, die Schüler zu motivieren, dennoch erinnerten Märchenbestand ihres Dorfes zu erfassen und mit Magne-tophonband aufzuzeichnen. Die erzählten Geschichten werden transkribiertund in Auswahl in einem gar nicht so dünnen Band herausgebracht. Märchensind in Griechenland zur Zeit geradezu Verlegermode( vgl. M. G. Meraklis,Märchenforschung in Griechenland. Im Band: Märchen und Märchenfor-schung in Europa. Ein Handbuch. Ed. D. Röth/ W. Kahn. Frankfurt am Main1993, S. 99–105). Dem anzuzeigenden Band ist schon einer mit Volkslie-dern, mit ähnlicher Methode und den gleichen Zielsetzungen, vorausgegan-gen( 1993). Die Schüler waren mit Eifer dabei, ihren Großmüttern Märchen-geschichten abzulocken, die sich sehr über die Initiative gewundert, dannaber gefreut haben, und, nachdem die Scheu vor dem Mikrophon abgelegtwar, auch einen ordentlichen Bestand von ca. 70 Kassetten zustandebrach-ten, wovon 62 Geschichten für den vorliegenden Band ausgewählt wurden.Bei diesem Sammelvorgang kam es auch zu wichtigen Einsichten überVariantenbildung, Erzählerpersönlichkeit, Erzählsituation, Einflechten vonAktuellem, Gestik, Stimmverstellen, Theatralik usw., worüber eine kleineEinleitung der Herausgeberin( S. 11- 20) überblickshaft berichtet.
Das pädagogische Fernziel des Unterfangens ist es, die Schüler selbstwieder zum Erzählen von Märchen zu bringen, dem Verschwinden der oralenTradition entgegenzuwirken und das regionale Selbstbewußtsein zu stärken.Darüber hinaus wird die originelle Märchensammlung eine gewisse Paradig-menwirkung entfalten, andere Schulen und Lehrer in anderen Dörfern undRegionen werden sich wahrscheinlich anschließen. Die Schüler sind stolzauf ihre Sammelleistung, die Informanten sind auf Photographien am Band-ende abgebildet, Motivation genug, die Erinnerung aufzufrischen. In einemFall hat ein talentierter Märchenerzähler sogar eine neue Märchennovelle in dreiFortsetzungen aus traditionellen Motiven zusammengestellt( Nr. 60a- c).
Damit ist aber auch ein neuer Anstoß gegeben, sich nach dem Tode vonGeorgios A. Megas( 1976) der systematischen Märchensammlung wiederstärker anzunehmen. Megas hat in den 50er und 60er Jahren gezielt dieSchullehrer im ganzen Land mit Fragebogen und Anleitungen motiviert,Märchenvarianten aufzuzeichnen und dem Volkskunde- Archiv der Akade-mie Athen zuzusenden; diese Sammlung von Handschriften, die er später amLaographischen Seminar der Universität Athen fortgeführt hat, ist heute in