Jahrgang 
100 (1997) / N.S. 51
Seite
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Literatur der Volkskunde

ÖZV LI/ 100

Narodna umjetnost 31, Zagreb, Institut za etnologiku i folkloristiku 1994,407 Seiten, zahlreiche Notenbeispiele, metrorhythmische Notationen, Dia-gramme usw.

Der 31. Folgeband des vom Zagreber Institut für Ethnologie und Folkloreherausgegebenen Jahrbuches( Band 32 wurde bereits in ÖZV 99/1996 be-sprochen) umfaßt im Hauptteil zwei umfangreiche Studien. Die erste, vonJadranka Grbić, zu ,, Identität, Sprache und Entwicklung. Untersuchungenzu den Beziehungen zwischen Volkszugehörigkeit und Sprache am Beispielder kroatischen Minderheit in Ungarn( S. 9 144) untersucht die Minder-heitensprache als Identitätskriterium am Beispiel der Kroaten in Ungarn.Ausgehend von der Feststellung des Wiederauflebens der Nationalismen amEnde des 20. Jahrhunderts vor allem in den Ostblock- Nachfolgestaatenwerden die modernen nationalistischen Bewegungen als Widerstand gegenallgemeinere nivellierende Integrationsprozesse verstanden; die Situationvon Minderheiten, die in einer asymmetrischen Zweisprachigkeit leben( dieMuttersprache als Kommunikationsmittel wird bereits von der Landesspra-che teilweise verdrängt) ist besonders schwierig, da sie von Entwicklungenauf nationaler Ebene meist ausgeschlossen bleiben und die Mehrheit in denInteraktionen gewöhnlich aggressiv und intolerant reagiert. Trotzdem wirddie übliche, auch von den Kroaten in Ungarn vertretene These bestritten, daßmit dem Verschwinden der Muttersprache als Kommunikationsmittel sichauch die ethnische Identität der Minderheit auflöse; die Sprache ist zweifel-los ein Kernkriterium ethnischer Identität einer Person, doch die Übernahmeeiner anderen Sprache bedeutet nicht notwendigerweise einen Wechsel derIdentitätsrahmen. Dafür ließen sich, jenseits dieser Untersuchung, eineganze Reihe von Beispielen anführen. Die Verfasserin konstatiert für diekroatische Minderheit in Ungarn nach empirischer Untersuchung einenhohen Grad ethnischer Bewußtheit, trotz der asymmetrischen Bilingualität.Diese hat sich nach der Einwanderung zuungunsten des Kroatischen ent-wickelt, gegen Ende der Monarchiezeit war bereits eine symmetrischeZweisprachigkeit( die Landessprache bei offiziellen Angelegenheiten, Kroa-tisch in der Familienkommunikation) herausgebildet, die in der Folge, auchwährend der kommunistischen Ära, sich weiterhin zu Lasten der Mutterspra-che entwickelte; erst nach 1986 ist eine Trendwende zu spüren, die sich vorallem in Bemühungen um ein qualitativ besseres gesprochenes und geschrie-benes Kroatisch manifestiert. Der Rückgang des gesprochenen Kroatischbedeutet jedoch keine tatsächliche Integration in den ungarischen Kontextmit progressivem Identitätsverlust, da die Sprache nur ein Faktor des ethni-schen Selbstverständnisses ist, allerdings ein wichtiger; ethnische Identitätist nicht nur als ein statischer Bestand von charakteristischen und symboli-schen Elementen zu verstehen, sondern auch als dynamischer Prozeß der