1997, Heft 4
Literatur der Volkskunde
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CSÁKY, Moritz, Ideologie der Operette und Wiener Moderne. Ein kul-turhistorischer Essay zur österreichischen Identität. Wien – Köln- Weimar,Böhlau Verlag, 1996, 328 Seiten.
Seit die Volkskunde als Kulturwissenschaft firmiert, bedarf es keiner Recht-fertigung, auf ein Buch über die Operette in dieser Zeitschrift hinzuweisen.Zudem galt die Operette, nachdem sie ihre Spezifik und ihr Milieu- so zeigtMoritz Csáky- mit dem Ende des Vielvölkerstaates verloren hatte, als bloẞleichtes und sogar trivial- volkstümlich deklassiertes Genre, dessen Melodi-en in den Musiktruhen und Wunschkonzerten verläßlich überwinterten.Heute gibt es ein musicalisiertes Revival. Die Wiederaufführung von RalphBenatzkys knalldeutscher Operette ,, Im weißen Rößl“( 1930) wurde alszickig- schrilles Ereignis, das die neuen Eliten erheiterte, gefeiert. Imgroẞdeutschen Milieu des Stücks gab Günther Nenning den Backenbart-kaiser.
Es gibt einige Gründe, auf diesen ,, kulturhistorischen Essay zur österrei-chischen Identität“ aufmerksam zu machen. Csáky bettet die Gattung in einSzenario, das eine Vielzahl von zeitgenössischen Äußerungen zu ,, Quellen"erklärt. In der methodischen Technik des Distanzierens wird die Operette als,, fremdgemachtes" Diskursthema, das Kultur als Text nutzt, zum Spiegeleiner Moderne, die aus einer Spannung zwischen Metropole und Provinzeinen raffinierten Typ der Stadt- Landgeschichte als bürgerliche Selbstdeu-tung entwickelt. Die östliche Provinz wird zum Sehnsuchtstopos einerLebenswelt, die aus dem Oszillieren zwischen den beiden Handlungsortenseine Imaginationskraft bezieht: als Ensemble des schönen Scheins einerWelt, in die man von der Metropole her ,, virtuell“ auspendelte und die vondort ihre gegenweltliche Kontur erhielt. Die aus solchen, auch kultur- topo-graphischen Orientierungen entstandene Mentalität, die ethnische Vielfaltim Sprachlichen als Kolorit ironisch aufbrechen kann und überspielt, läßtsich als urbane Spezifik deuten. Über sie, die Wiener Moderne, erfährt manin diesem sorgfältig formulierten und über die wissenschaftlichen Verfahren( à l'Annales) informierenden Essay, der sein Material überlegt anordnet,mehr als über die Operette selbst. Sie dient dem Autor als Leitfossil, an demer eine facettenreiche und dichte Kulturgeschichte der Wiener Moderne um1900 ausleuchtet. Eingebettet in eine Kulturanalyse der Jahrhundertwendewird die Operette zum Ausdruck einer neuen, zutiefst urbanen Mentalität,die von den Facetten des Vielvölkerstaates lebt, aus ihr seine Anregungenerhält und in der Lage ist, damit spielerisch und doch seriös zu hantieren.Wenn die Operette die Ausdrucksform eines das Ethnische transzendieren-den und damit marginalisierenden Staatsgebildes ist, dann leuchtet dieArgumentation ein, die das Ende der Gattung mit dem Zurückstutzen desVielvölkerstaates auf ein monokulturelles Deutsch- Österreich ansetzt.