Österreichische Zeitschrift für Volkskunde
Band L/ 99, Wien 1996, 105–128
Literatur der Volkskunde
CORBIN, Alain, Die Sprache der Glocken. Ländliche Gefühlskultur undsymbolische Ordnung im Frankreich des 19. Jahrhunderts. Frankfurt amMain, Fischer Verlag, 1995, 501 Seiten.
Die Klage ist alt, sie ist bequem, sie ist in volkskundlichen Erzählkreisenallenthalben zu hören und wird auch in diesem Fall nicht auf sich wartenlassen: Wieder einmal hat ein Historiker, so räsoniert man gerne, ein, volks-kundliches Thema aufgegriffen und publikumswirksam aufbereitet. AlainCorbin, er lehrt derzeit an der Universität Paris Geschichte des 19. Jahrhun-derts, ist da ein alter Bekannter. Nach einer Geschichte des Geruchs undeiner Studie zur Entdeckung der Küste und des Meeres hat er 1994 eineUntersuchung über die Glocken auf dem Land vorgelegt, über ein Sujet also,das in der rechtlichen Volkskunde und in der volkskundlichen Erzählfor-schung durchaus als kanonisiert gelten kann.
Doch ist es nicht bloß der Gegenstand, sondern sind es vielmehr diePerspektiven, Kategorien und Modelle Corbins, die den vorliegenden Bandfür Volkskundler zum Lehrstück und lesenswert machen. Corbins Aus-gangspunkt ist der strukturelle und tiefgreifende Wandel der ländlichenRegionen und Gemeinden Frankreichs in der Folge von Revolution undRestauration im 19. Jahrhundert. In diesem Prozeß und in den darausentstehenden Konflikten zwischen Staat und Gemeinden, zwischen neuenOrdnungsmodellen und älteren territorialen Mustern, kommt nach Corbinden Glocken respektive dem Umgang mit den Glocken eine Indikatorfunk-tion zu: Von hohem identifikatorischen Wert wurden die Glocken und dieklangliche Umwelt, die sie schaffen, zum Gegenstand der Politik. So warman von staatlicher Seite in verschiedenen Phasen der revolutionären undnachrevolutionären Glockenpolitik um eine Desakralisierung und Kommu-nalisierung der Glocken bemüht. Als Instrumentarien dieser Politik be-schreibt Corbin die Reduktion der Glocken auf dem Land, die strengeReglementierung der Geläute, schließlich den Kompromiß zwischen Kir-chen und Gemeinden in der Bemeisterung der Glocken. Auf derartigeEingriffe und Einschränkungen reagierten die betroffenen Gemeinden mitder Verschleppung von Anordnungen ebenso wie mit dem Verstecken derGlocken oder auch Glockenentführungen: Insbesondere in der lokalen Ver-teidigung der Glocken formierte sich kollektiver Widerstand gegen staatli-che Eingriffe in die Souveränität der Gemeinden. Corbin nutzt hier das