Jahrgang 
99 (1996) / N.S. 50
Seite
107
Einzelbild herunterladen
 

1996, Heft 1

Literatur der Volkskunde

107

régime. Als Gegenpol stellt er die in der Gegenwart nur noch zerrüttete und, entzauberte Klangwelt vor; dieses Heute läßt er mit den 1860er Jahrenbeginnen, mit einer Phase, in der die Glocke als ,, kommunitarischesIdentitätsmerkmal von anderen Symbolen abgelöst wird. Corbin nähert sichdamit den diskursiven Strategien in Berichten und Beschreibungen begeisterterCampanologen- neben Archivmaterial über Verwaltungsvorgänge die wich-tigsten Quellen Corbins. Mehrfach, zuletzt im Schlußkapitel, wo er auf denWandel in den Sensibilitäten eingeht, verweist Corbin( quellen-) kritisch auf denromantischen Impetus, mit dem diese Schriften in nicht wenigen Fällen vonIntellektuellen verfaßt worden sind; und schreibt schließlich in gewissem Sinnemit an einer emotionalen Geschichte der Glocken.

Die hier zu beobachtenden Schwierigkeiten Corbins aber, eine wissen-schaftlich angemessene Distanz zum Thema zu finden, sind kein Einzelfall:Wenn Gefühle beschrieben und analysiert werden, dann geschieht dieshäufig unter kulturkritischen Vorzeichen. Kulturgeschichten und Kulturso-ziologien zum Thema Emotionen gehen in der Regel von einem Defizit aus,das den modernen Menschen in seinem Erleben einschränkt. Damit korre-spondiert ein publizistischer Markt, der den Erlebniswert von Emotionengerade wieder einmal neu entdeckt; man denke nur an die Formel vomEmotionalen Intelligenzquotienten, dem EQ, den zu entwickeln neuerdingsFrauen angeraten wird. Wer heute als Kulturwissenschaftler darangeht,Gefühle zu erforschen, hat diese Entwicklung und deren Problematik, zumalim Zusammenhang von Naturalisierungen, mitzubedenken. Je mehr dieserMarkt boomt, desto wichtiger ist der sorgsame Umgang mit dem Etikett, Gefühle', desto wichtiger auch ist die Überprüfung der eigenen Forschungs-perspektive. So kann Corbins Glockenbuch für Volkskundler Vorbild- inder mehrdimensionalen Aufschlüsselung einer Dingbedeutsamkeit- undWarnung im Dilemma zwischen Kulturkritik und Kulturgeschichtsschrei-bung zugleich sein.

Klara Löffler

HUGGER, Paul, Das Berner Oberland und seine Fotografen. Von glei-ssenden Firnen, smarten Touristen und formvollendeten Kühen. In Zusam-menarbeit mit Rudolf Bähler, Beat Eberschweiler, Irène Elber, MarkusKrebser, René Perret, Blanca Steinmann. Thun, Verlag Krebser, 1995, 234Seiten, 117 Fotografien.

In der Fotogeschichte gibt es ein missing link. Zwischen der längst bildband-und ausstellungswürdigen Avantgarde von gestern wie heute und der mitun-ter als Bildquelle sozialhistorischer Mutmaßungsgeschichte überstrapazier-ten Amateurfotografie des familialen Bereiches betrifft es den breiten Be-