Jahrgang 
99 (1996) / N.S. 50
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Literatur der Volkskunde

ÖZV L/ 99

den. Fotogeschichte erzählt das modisch weichgezeichnete Mädchenportraitaus dem Jahr 1960 genauso wie die durch ihren geradezu sturen Realismusbestechenden Vieh- und Viehmarktsbilder eines Arthur Zeller( 18811931), derselbst Bauer im Nebenerwerb- ein gefragter Meister dieses Genreswar. Seine Witwe( Jahrgang 1907) wußte beim Interview noch von eineranderen Bedeutung des ländlichen Fotografen für das bäuerliche Publikum zuberichten: ,, Die alten Fotoplatten waren aus gutem Glas. Viele Bauern kamenvorbei und fragten nach ausgedienten Glasplatten, damit sie die, klini Schiblini'( die Fenster) bei ihren Ställen ersetzen konnten( S. 135). Auch das sindBausteine zu einer kulturwissenschaftlich intendierten Geschichte der Fotogra-fie in den Jahrzehnten ihrer Veralltäglichung, Bausteine, die man nicht missenmöchte, und Anfänge, die nach Fortsetzung verlangen- in anderen Regionenund mehr noch in zusammenschauender Deutung.

Bernhard Tschofen

BALASSA, M. Iván, A parasztház története a Felföldön( Die Geschichtedes ungarischen Bauernhauses im nordöstlichen Karpatenraum). Miskolc,Herman Ottó Múzeum, 1994, 306 Seiten, zahlr. Abb., Pläne, Karten undBildtafeln( Auszüge in Deutsch und Slowakisch).

Die Hausforschung in Mitteleuropa legt heute ihr Hauptgewicht auf diegesicherte Abklärung der historischen Entwicklung einer lange Zeit hin-durch nur evolutionstheoretisch oder ethnisch interpretierten vernakulärenArchitektur. Genese und Entfaltung dieses bäuerlichen Haus- und Wohnwe-sens stellen für sie daher seit der Mitte unseres Jahrhunderts eine derschwierigsten und vordergründigsten Forschungsaufgaben dar. Dies hatzugleich auch methodisch neue und wichtige Umstellungen bewirkt, die aufmodernen Wegen der Bauanalysen und Datierungshilfen etwa durch Den-drochronologie, Gefügeforschung und Strukturuntersuchung erst zu einerpositiven, zuverlässigen und geschichtsrichtigen Abklärung der jeweiligenBaukultur hinführten.

Nun hängt es offenbar mit den Unterschieden in den Bauüberlieferungenselbst zusammen, daß derlei Arbeitsziele im östlichen und westlichen Euro-pa nach zweierlei konträren Richtungen angestrebt werden: In den westli-chen Ländern mit Einschluß Irlands und Großbritanniens trachtet man überdie vorhandenen Baudenkmäler und deren Analyse zurück bis ins Mittelalterzu gelangen und so möglichst die letzten fünf bis sieben Jahrhundertebaugeschichtlich abzudecken; erst sekundär sucht man dazu auch die Bo-denforschung und archäologisches Fundmaterial heranzuziehen. In den öst-lichen Ländern geht man den umgekehrten Weg. Man sucht zunächst von