Jahrgang 
99 (1996) / N.S. 50
Seite
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1996, Heft 1

Literatur der Volkskunde

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als Ganzheiten eine erheblich vielfältigere und formenreichere Bauwelt diesesbäuerlichen Hauswesens deutlich. Der Verfasser nimmt allenthalben auch Be-dacht auf die Nachbarräume Oberungarns. Er distanziert sich jedoch aus diesertieferen Kenntnis ihres historischen Werdeganges ausdrücklich von ethnischenZuweisungen dieser Hausformen. Im alten Oberungarn lebten in der Tat Ungarnund Slowaken, Ruthenen und Rumänen in durchaus verwandten Behausungen,wie Balassa betont, auch deswegen, weil in einer früheren agrarischen Welt derBegriff enger ethno- zentrischer oder sprachnationaler Eigenwelten in jenerfeudalen Ordnung noch gar nicht vorhanden gewesen ist.

Oskar Moser

SIEDER, Reinhard, Heinz STEINERT, Emmerich TÁLOS( Hg.), Öster-reich 1945-1995. Gesellschaft, Politik, Kultur(= Österreichische Texte zurGesellschaftskritik, Bd. 60). Wien, Verlag für Gesellschaftskritik, 1995, 738Seiten, s/ w- Abb.

Daẞ Jubiläen Identität stiften und der Selbstvergewisserung dienen, war inden letzten beiden Jahrzehnten angesichts ungekannter öffentlicher Fest-und Feierkultur und im Banne allgegenwärtiger Musealisierungstendenzenfür Historiker eine ausgemachte Tatsache. Daß auch neuere und vielleichtadäquatere Spielformen des Jubilierens, das Begehen von, Ge- und Bedenk-jahren oder die kritische Bestandsaufnahme', nicht außerhalb solcherKonstruktionen zu sehen sind, wohl schon weniger. In Österreich gibt es indiesen Jahren einiges zu begehen: Gerade wurde im abgelaufenen Jahr desKriegsendes und der Begründung der Zweiten Republik( 1945) sowie desStaatsvertrages von 1955 gedacht, und schon steht mit dem in der Manierder Musilschen Parallelaktion geplanten, Millennium' der tausendste Jah-restag des Namens Österreich an. Der Frankfurter Messeschwerpunkt tat einübriges, die einschlägige Buchproduktion zu forcieren, und die politischenTendenzen und Debatten ließen das, Nachdenken über das Österreichi-sche so die konsensfähige Devise- geradezu als demokratische Pflichterscheinen. Eines läßt sich dabei feststellen: Die zahlreichen Kolloquien undVeröffentlichungen dieses Jahres haben zur Hebung des Diskussionsniveausbeigetragen, die Wissenschaft und Politik mit Moral vertauschende Perspek-tive des ,, österreichischen Gutmenschentums"( so der Wiener PhilosophKonrad Paul Liessmann) ist einem facettenreicheren und distanzierterenVerhältnis gegenüber den Fährnissen dieser Zweiten Republik gewichen.

Wenn sich in fünfzig Jahren die österreichischen Geschichts- und Gesell-schaftswissenschaften wieder zu einer Bilanz der ersten fünf Jahrzehnte derZweiten Republik formieren, werden sie auf Bücher stoßen, die sich mit