Österreichische Zeitschrift für Volkskunde
Band L/ 99, Wien 1996, 153- 180
Leopold Graf Berchtold: Josephiner und Sozialforscher
Von Justin Stagl
I.
Leopold Graf Berchtold, Freiherr von Ungarschitz, Fratting undPullitz, wurde 1759 zu Platz in Mähren geboren. Er wurde von einerTante mütterlicherseits als deren Erbe erzogen. Diese für seinenweiteren Lebensgang entscheidende Tante stand jener aus dem nörd-lichen Deutschland über die Länder der böhmischen Krone nachÖsterreich einströmenden Aufklärung nahe, die in ihrer österreichi-schen Sonderform als ,, Josephinismus“ bezeichnet wird.' Der Knabebesuchte adelige Internate in Pilsen und Wien und trat dann in denVerwaltungsdienst. Nachdem er bereits zwanzigjährig zum substitu-ierenden Kreishauptmann von Iglau ernannt worden war, erwirkte eraufgrund seiner„, ungewöhnlichen Kenntnis des Handels und derHandelswege", wie sein Biograph Pluskal schreibt, ² noch im selbenJahr die Versetzung zur Commerzbehörde in Triest. Dort studierte er,, Erd-, Staaten- und Sprachenkunde“ und machte offenbar recht lu-krative Nebengeschäfte.³ Dies alles diente ihm zur Vorbereitung
1 Vgl. Valjavec 1945, Winter 1962, Beloff 1966, S. 116 ff., Hanke 1974.
2 Eine Lebensbeschreibung Berchtolds von Cajetan Haschke, seinem Verwalterund Vertrauten, mit Ergänzungen von Heinrich Rziha, dem Hauslehrer seinerSöhne, wurde als Handschrift bis zum Zweiten Weltkrieg im Familienarchiv inBuchlau aufbewahrt und befindet sich heute mit Berchtolds schriftlichemNachlaẞ im Stadtarchiv von Brünn. Hierauf stützt sich die offizielle Biographievon F. S. Pluskal, die zum Centennium seiner Geburt im Auftrage seines jüngerenBruders Friedrich veröffentlicht wurde( Pluskal 1859). Auf diese wiederum gehtdie biographische Skizze von Leopold Berchtolds gleichnamigem Urenkel, demAußenminister von Österreich- Ungarn zu Beginn des Ersten Weltkrieges( Berch-told 1893, S. 179 ff.) und die von Hugo Hantsch in dessen Biographie desjüngeren Berchtold( Hantsch 1963, S. 31 f.) zurück. Zur Ergänzung können nochdie biographischen Artikel in Ersch und Gruber, in der Biographie Universelleund in Wurzbach herangezogen werden.
3 Pluskal 1859, S. 18.