Österreichische Zeitschrift für Volkskunde
Band L/ 99, Wien 1996, 181- 203
,, Am Spielfeld ist die Wahrheit gewesen“.Die Wiener Fußballkultur in der Zeitdes Nationalsozialismus:
Zwischen Vereinnahmung und Widerstand
Von Matthias Marschik
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Was passiert, wenn der Alltag ,,, das an sich Selbstverständliche, dasman normalerweise nicht beredet, weil es unkommentiert funktio-niert“( Köstlin 1995, S. 263), plötzlich einer Störung ausgesetzt ist,weil er mit einem anderen ,, Alltag" kollidiert? Dies ist die basaleFragestellung, die es zu klären gilt, wenn es um eine Analyse derWiener Fußballschule“ in der Ära des Nationalsozialismus, also inden Jahren 1938 bis 1945, geht. Welche Konsequenzen zeitigt dasZusammentreffen von gewachsenen Praxen, Ritualen und„, Passio-nen“( Bromberger 1995) mit anderen Alltags- Strukturierungen, dieunvermittelt, dafür aber umso radikaler oktroyiert werden? Wie großist, mit anderen Worten, das resistente Potential von Alltagskulturangesichts des Extremfalls des Nationalsozialismus einzuschätzen?
Es geht also um eine Untersuchung zur Alltagskultur des National-sozialismus, wie sie seit Beginn der achtziger Jahre, seit den Arbeitenvon Lutz Niethammer( 1983) und Detlev Peukert( Peukert/ Reulecke1981), durchaus zu einem wesentlichen Aspekt der Aufarbeitungjener Zeit geworden sind und die Auffassung, fast alles am National-sozialismus sei ,, zeitgeschichtlich aufgeklärt“( Benz 1987, S. 18),widerlegt haben, denn aufgeklärt sind wohl höchstens Rahmenbedin-gungen und Strukturen der ,, totalitären Herrschaft"( Fest 1969), nichtaber die Formen des Umgangs mit ihr.
Wer alltagskulturelle Phänomene der NS- Zeit beschreibt, setzt sichfreilich der Gefahr aus, eine potentielle Verharmlosung zu betreiben( Reichel 1993, S. 7). In einer Alltagsgeschichte des Wiener Fußballsim Nationalsozialismus findet etwa der Holocaust nur insofern seinenPlatz, als die Entfernung der Juden aus dem öffentlichen Leben imBereich des Sports besonders rasch durchgeführt wurde( Botz 1988,