Österreichische Zeitschrift für Volkskunde
Band L/ 99, Wien 1996, 205-216
Zu Erscheinungsformen und Funktionen von Tragik undKomik in der griechischen Volkskultur
Von Walter Puchner
Für Klaus Beitl
Ausgehend von einer dramentheoretischen Begriffsbestimmung vonTragödie und Komödie könnte man vorschlagen, der Komik wirklich-keitsaffirmative Funktion zuzuschreiben, der Tragik hingegennormrelativierende.' Das Scherbengericht des Komischen verurteiltim Prozeß des Lachens und Lächerlichmachens ein normabweichen-des Verhalten, ob sich dieses nun auf differente Weltanschauung,mangelnde Soziabilität, Körperausmaß und Erscheinung in Riesen-und Zwergenwuchs, Monstrosität und Häßlichkeit, oder auch in men-talen Defekten manifestiert, die geltende Norm wird nicht in Fragegestellt, sondern im Gegenteil weiter verfestigt. Bei der Tragik resul-tiert aus dem Konflikt zwischen Heros und Wertsystem, der zurphysischen oder psychischen Katastrophe führt, die Einsicht in dieRelativität geltender axiologischer Konstruktionen als gesetzte Po-stulate, die veränderlich sind, der metaphysischen Konstante entbeh-ren und letztlich willkürliche Hilfsmittel der Strukturierung gesell-schaftlicher Interaktion, oft zu Lasten mancher ihrer Träger, darstel-len.
Die Tragik des Todes wird in den eher ,, geweinten“ als gesungenengriechischen Lamentationen als ein skandalon wider die Natur erfah-ren, für das nicht nur Charos als Impersonifikation des Todes zurRechenschaft gezogen wird, sondern Gott selbst.2 Der ideologischeRahmen für eine solche emotionelle, aber doch auch ritualisierteAuflehnung gegen die Allmacht der christlichen Religion ist die
1 Dazu indizierend Dietrich, M.: Das moderne Drama. 3. Aufl. Stuttgart 1974,S. 715 ff und 730 ff.
2 Saunier, G.:,,Adikia“. Le Mal et l'Injustice dans les chansons populaires grecqu-es. Paris 1979, S. 225- 339.