Jahrgang 
99 (1996) / N.S. 50
Seite
217
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Österreichische Zeitschrift für Volkskunde

Band L/ 99, Wien 1996, 217-232

Mitteilungen

Freikugeln

Von Felix Karlinger

Gelegentlich der Neuinszenierung der Oper Freischütz an der WienerStaatsoper ist ein reichhaltiges und vielseitiges Programmheft erschienen.Zugrunde liegt ihm eine Lehrveranstaltung von Studierenden der Universitätund der Hochschule Mozarteum in Salzburg unter der Leitung der Professo-ren Ulrich Müller und Oswald Panagl.

Das Heft enthält neben verschiedenen Essays und reicher Bildausstattungauch einen kurzen Aufsatz von Ruth Hanzekovic, den wir hier zum Abdruckbringen dürfen.

,,, Freikugeln-- Von Weidwerk und Teufelsspuk.

Der Glaube an Schützen, die durch den von magisch- satanischen Hand-lungen begleiteten Erwerb sogenannter Freikugeln jedes beliebige Zieltreffen, findet sich nur im germanischen Kulturgebiet, ja beinahe aus-schließlich im deutschen Sprachraum. Vermutlich liegt dem Freischütz-Glauben ein alter Wodanskult zugrunde, der sich später in Verbindung mitchristlichem Dämonismus einen festen Platz im abergläubischen Denken desmittelalterlichen Menschen gesichert hat.

In den Überlieferungen über das Gießen von Freikugeln herrscht großeUneinigkeit, es gibt eine Vielzahl an, Rezepten'. Fest steht aber, daß diebesonderen Kugeln zu mitternächtlicher Stunde, in der Nacht eines für dasChristentum bedeutsamen Tages oder zumindest bei Vollmond gegossenwerden müssen. Die Zutaten für die Freikugeln sind ebenso zahlreich wieskurril. Das Blei sollte von Kirchhofskreuzen oder Scheibeneinfassungenvon Kirchenfenstern stammen, angereichert mit Innereien von Fledermäu-sen, Schlangen oder Kröten. Ein Stück des Seiles, an dem ein Dieb erhängtworden war, oder Metallspäne von dessen Ketten, waren dem Zauber ebensozuträglich wie das Blut einer Jungfrau Glossar ::: zum Glossareintrag  Jungfrau oder aus des Jägers Hand.Unerläßlich zur Fertigstellung der Kugeln war ein Totenschädel wahl-weise der eines Verbrechers oder einer Wöchnerin-, durch dessen Augen-höhlen das Bleigemisch in seine Form gegossen wurde. Nicht selten war dasKugelgießen mit Gefahren verbunden: vielen angehenden Freischützen solldas heiße Blei aus unerfindlichen Gründen ins Gesicht gespritzt sein, anderehatten grauenhafte Erscheinungen, die sie an den Rand des Wahnsinnes

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