1996, Heft 2
Mitteilungen
Der Dinge neuer Sinn im Museum
Von Konrad Köstlin
*
227
Daß wir Museen besitzen, daß wir ein Museum eröffnen oder die Erweite-rung und den Abschluß eines Museums festlich begehen, das kommt unsheute ganz selbstverständlich vor. Es lohnt sich, über diese Selbstverständ-lichkeit, mit der wir solche Akte der Selbstfeier fast wie einen Gottesdienstgestalten, ein wenig nachzudenken. Da kann es dann auch geschehen, daßein Festvortrag wie eine Predigt klingt.
Denn es war lange nicht selbstverständlich, daß Menschen abgelegteDinge in ein Haus stellen, das sie Museum nennen. Die Dinge hatten früherein eigenes, anderes Leben, das erst endete, wenn sie verbraucht waren. EineTruhe konnte, wenn sie alt geworden war, neu und modern bemalt werdenund für die nächste Hochzeit noch gut sein. Sie konnte später auf dem Bodenals Getreidekiste dienen, wanderte dann vielleicht als Futterkiste in denPferdestall. Ihre Bretter konnten noch einmal zur Reparatur einer Stalltürgenutzt werden, dann, nocheinmal verkleinert und zurechtgesägt, für einenHasenstall Verwendung finden, bevor sie dann zum Brennholz gelegt wur-den und so noch für ein Essen Hitze gaben. Ein Hackenstiel konnte zweiHacken überleben und wurde immer wieder an der Eichel zurechtgeschnit-ten. Als es nichts mehr zu schneiden gab, wurde er in die Scheune gestellt,paẞte dann noch als Verstrebung für einen wackligen Tisch, wanderte dannmit dem Tisch als Trennwand in den Schweinestall, um sich dann endlichmit den Brettern der Truhe auf dem Brennholzhaufen wiederzufinden. Vieleswurde aufgehoben, weil man es vielleicht noch einmal brauchen würde:Metallteile, krumme Nägel.
Sachen dienten solange, bis sie verbraucht waren. Wir Heutigen aberstellen alte Dinge, schöne Truhen, aber auch einfache Hacken ins Museum.Wir tun das, lange bevor sie verbraucht sind. Denn sie haben auf andereWeise ausgedient und sie bekommen im Museum ein neues Leben zuge-dacht. Wir brauchen sie nicht mehr materiell- Hacke und Truhe bekommeneine neue, symbolische Brauchbarkeit.
* Festansprache anläßlich des ,, Landlertreffens" in Bad Goisern am 1. Juli 1995.Im Rahmen dieser Veranstaltung erfolgte die offizielle Übergabe sämtlicher,vordem zu einem großen Teil in privatem Besitz befindlicher Exponate desGoiserer Landler- Museums an den„, Heimatverein Bad Goisern", der somitTräger dieser 1992 im Erdgeschoß des Bad Goiserer Heimatmuseums auf Initia-tive von Lore- Lotte Hassfurther eingerichteten Dokumentation der 250jährigenGeschichte der Siebenbürger Sprachinsel ist.