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Chronik der Volkskunde
ÖZV L/ 99
Fastentuch und Kultfiguren
Wenn Wolfgang Brückner mindestens fünfzehn verschiedene Disziplinenoder Teilwissenschaften ausmacht, in denen Frömmigkeitsforschung eineRolle spielt( Volksfrömmigkeitsforschung, Ethnologia Bavarica Heft 13,Würzburg München 1986, S. 19 – 26), und sämtliche Einleitungen zuneuerer Volksfrömmigkeitsliteratur von der Notwendigkeit interdisziplinä-rer Zusammenschau bei der Durchdringung frömmigkeitsgeschichtlicher,liturgiewissenschaftlicher, kunstgeschichtlicher und volkskundlicher Frage-stellungen sprechen, so kann man, etwas vereinfachend, für die Ausstellung,, Fastentuch und Kultfiguren“ in Überschreitung der Fächergrenzen einenkunsthistorischen, einen theologischen und einen kulturhistorischen Aspektreklarnieren.
Der kunsthistorische bemißt sich an formalästhetischen Kriterien undkünstlerischen Ausdrucksweisen, an der technischen und stilistischen Qua-lität der Ausführung von Kunstwerken und an der daraus resultierendenWertschätzung. In dieser Hinsicht führten sowohl Fastentücher als auchKultfiguren eher ein Randdasein, da deren Schöpfer vielfach keine nament-lich bekannten Meister, sondern eher Handwerker mit künstlerischen Ambi-tionen waren. Daher ist auch zu erklären, warum Fastentücher und beklei-dete Heiligenfiguren eher in volkskundlichen Sammlungen Eingang fandenals in jenen der hohen Kunst.
Der theologische Aspekt bemißt sich an der spirituellen Aussagekraft unddem liturgischen Gebrauch der gezeigten Objekte und an deren historischerwie gegenwärtiger Einbindung in die christliche Katechese.
Der kulturhistorische Zugang schließlich bemüht sich um die Darstellungvon Zeugnissen des populären Glaubens und der Frömmigkeit als Versuche,die Welt generell und speziell die Glaubenswelt zu deuten, zu verstehen undfür sich und die eigene Lebensbewältigung nutzbar zu machen. In dieserHinsicht konzediert der neue römische Katechismus der Religiosität desVolkes einen bedeutenden Wert, nicht ohne jedoch an gleicher Stelle auchauf die Notwendigkeit pastoraler Unterstützung und, wenn nötig, Korrekturbei neuen Lebenszeichen kirchlicher Volksbräuche hinzuweisen.
Religion, Kirche und praktische Glaubensausübung sind integrale Fakto-ren des sozialen und kulturellen Lebens, und so nimmt es nicht Wunder, daßVolksfrömmigkeit und Volksglaube von jeher einen bedeutenden Stellen-wert innerhalb des volkskundlichen Themenkanons innehatten.
Schwierig und umstritten sind die Umschreibungen und erst recht dieDefinitionsversuche des Problemfeldes, wie bei allen Komposita mit demWörtchen ,, Volk". Die Beschäftigung mit der Ausstellungsthematik führtjedenfalls die Unschärfe der Trennung sogenannter Volks- von Hochreligionebenso vor Augen wie jene zwischen Volks- und Hochkunst.