1996, Heft 2
Chronik der Volkskunde
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großteils über Belgrad liefen. Mit der Internationalität der Tagung wurdesicher ein Schritt zur wissenschaftlichen Öffnung unternommen, mit der sichdie Veranstalter auch sehr zufrieden zeigten.
Für die Volkskundestudenten( Ethnologia Europaea) in Wien wäre es zuempfehlen, mehr Eigeninitiative zu beweisen und sich mit anderen europäi-schen Ländern wissenschaftlich auseinanderzusetzten, sei es in Form vonVorträgen, Symposien oder anderen Kontakten.
Manuela Friedl, Gerald Rouschal
Generaldirektor Dr. Tamás Hofer- Herderpreisträger 1996Aus der Laudatio bei der feierlichen Überreichungam 8. Mai 1996
Der zweite diesjährige Preisträger, der Ungar Tamás Hofer ist Ethnograph.Am 29. Dezember 1929 in Budapest geboren, studierte er dort an derUniversität Archäologie, Kunstgeschichte, Ethnographie, Folklore und So-zialgeographie und erwarb 1958 den Grad eines Doktors der Philosophie inden drei zuletzt genannten Fächern. Zusammen mit seiner Lehrerin Edit Félbegann er 1954, eine experimentelle ethnographische Untersuchung in demBauerndorf Átány im Osten der ungarischen Tiefebene durchzuführen, diemehr als zehn Jahre dauern sollte. In Ungarn konnten die Ergebnisse dieserArbeit nicht im Druck erscheinen. Als monumentales Werk in drei volumi-nösen Bänden erschienen sie 1969, 1972 und 1974 in Chicago, Göttingenund Kopenhagen. Die Veröffentlichung dieser Untersuchungen machtenTamás Hofer mit einem Schlage zu einem der bekanntesten und angesehen-sten Ethnographen diesseits und jenseits des Ozeans. Schon die Orte, andenen sie veröffentlicht wurden, zeugen von der Weite der internationalenAkzeptanz. Hier wurden auf intensiver Feldforschung beruhende Studienüber das bäuerliche Alltagsleben eines ungarischen Dorfes vorgelegt, die inihrer Vielseitigkeit, ihrer gedanklichen Tiefe und analytischen Schärfe bisauf den heutigen Tag ihresgleichen suchen. Sie sind nicht nur ein fundamen-taler Beitrag zur Analyse der Struktur einer bäuerlichen Gesellschaft, ihrersozialen Institutionen, ihres Wertesystems und ihrer ,, moralischen Ökono-mie", sondern zugleich auch bahnbrechend für eine moderne Alltagskultur-und Sachkulturforschung, die über eine Betrachtung der Objekte hinausgehtund den Menschen als Produzenten und als Benutzer voll einbezieht.
Seine Feldforschungen konnte Tamás Hofer später nicht nur auf etwasechzig andere Dörfer in Ungarn ausweiten, sondern auch auf ungarischeDörfer in der Slowakei, in Transsylvanien, in den östlichen Karpaten undjenseits des Ozeans in Kanada, auf tschechische, slowakische, polnische,