Jahrgang 
99 (1996) / N.S. 50
Seite
261
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Österreichische Zeitschrift für Volkskunde

Band L/ 99, Wien 1996, 261- 278

Literatur der Volkskunde

COLE, John W., Eric R. WOLF, Die unsichtbare Grenze. Ethnizität undÖkologie in einem Alpental(= Transfer Kulturgeschichte, Bd. III, hg. vonHans Heiss und Reinhard Johler). Bozen- Wien, Folio, 1995, 438 Seiten.

,, Die für eine Verschmelzung bzw. für ein Beibehalten ethnischer Unter-schiede entscheidenden Kräfte hängen weniger von den verschiedenartigenkulturellen Ursprüngen als vielmehr von der Art und Weise der fortschrei-tenden Integration in die Außenwelt ab.( S. 164) Diese wiederum machtsich am Oberen Nonsberg in St. Felix( seit 1948 in Südtirol) und Tret( Provinz Trient) in der ideologischen Modellierung und Interpretation derdörflichen Verhältnisse auf der mikrosozialen( Erbrecht), der wirtschaftli-chen( kulturelle Ansprüche für das Subsistenzniveau) und der soziopoliti-schen Ebene( strukturelle Konvergenz bei identitärer Divergenz) und ihremVerhältnis zu den realen Verhältnissen bemerkbar. Jedenfalls kann, dasLeben der Landbevölkerung nicht mehr ausschließlich aus dem lokalenKontext heraus verstanden werden( S. 12). Erst im Prozeß der Herausbil-dung von Nationen entstanden ,, engmaschige institutionelle Strukturen undneue soziostrukturelle Einrichtungen..., die ihrerseits wiederum ungewohn-te Formen sozialer Identifikation, Loyalität und Disziplin verlangten. Sowurden die romanischen Bewohner des Nonsbergs zu Italienern und diedeutschsprachigen Tiroler nördlich und südlich des Brenners zu, Deut-schen( S. 16). Das ist der Tenor dieses Buches, das als Ergebnis einer Reihevon längeren Aufenthalten der Autoren vor Ort zwischen 1960 und 1969 inenglischer Fassung bereits 1974 erschienen ist, jetzt aber( von GüntherCologna) ins Deutsche übersetzt wurde. Er ist direkt entgegengesetzt demZugang traditioneller Volkskunde, aber auch nationalistischer ideologisie-render Geschichtsschreibung. In einem ,, Rückblick versuchen die Autoren,die Studie in der Interessenlage der damaligen amerikanischen Anthropolo-gie zu positionieren: ,, Wir versuchten, unsere Studie in den Kontext einerGeschichte der sozialen Beziehungen und deren Entwicklung zu stellen"( S. 14). Ehedem kennzeichnend für einen bestimmten Trend der amerikani-schen Kulturanthropologie, hat sich die systemische Sichtweise auch in derEuropäischen Ethnologie, vulgo Volkskunde, mittlerweile teilweise durch-gesetzt. Man muß sich den Autoren anschließen: ,, Es wäre wünschenswert,wenn die Forschung weiterhin Mikro- und Makrokosmos so verbindenwürde( S. 16), wie sie im neuen Vorwort den schon seinerzeitigen Wunsch