Jahrgang 
99 (1996) / N.S. 50
Seite
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1996, Heft 2

Literatur der Volkskunde

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TOMASEK, Tomas, Das deutsche Rätsel im Mittelalter(= HermaeaGermanistische Forschungen, N.F. Bd. 69). Tübingen, Max Niemeyer Ver-lag, 1994, 372 Seiten.

Die deutsche Rätselüberlieferung, die bis ins Mittelalter hinabreicht, hatman bisher zumeist als unter dem Einfluß alter Volkstraditionen stehendgesehen. Daher wurde ihr literarischer Wert relativ niedrig eingeschätzt. Dievorliegende neue Studie von Tomas Tomasek, eine germanistische Habilita-tionsschrift von 1989 aus Kiel, sucht demgegenüber zu zeigen, daß derGrundbegriff des Rätsels vielmehr im abendländischen Glossar ::: zum Glossareintrag  abendländischen gelehrten Milieu derLatein- und Klosterschulen entstanden ist und sich erst allmählich auch alsvolkssprachliche Aussage und Norm durchgesetzt hat. So steht also dieFrühgeschichte des deutschen Rätsels in einem engen und unmittelbarenZusammenhang mit der lateinischen Bildungstradition. Sie darf daher nichtnach heute gängigen Vorstellungen etwa vom Volks- und Freizeiträtselqualitativ oder gar quantitativ beurteilt werden.

Diese Erkenntnis ist wesentlich auch für die Position der Masse vonsogen. ,, Volksrätseln", auch und gerade wo und weil sie sich sehr entschie-den von den bisherigen Präponderanzen der letzteren absetzt. Innerhalb derschier überbordenden Fachliteratur zum Rätsel- national wie internatio-nal- darf diese Untersuchung über das Rätsel und über dessen Ausgang undÜberlieferungen im Mittelalter in deutscher Sprache als ein ganz entschei-dender neuer Beitrag zu dessen Geschichte und Entwicklung gelten, dieszumal im Hinblick auf die maßgebenden Forschungen von Robert Petsch( 1899/1938) bis zu Mathilde Hain( 1966), Volker Schupp( 1972), ArnoSchmidt( 1962) und Ulrich Bentzien( 21976). Bekanntlich hatte ja AndréJolles( Einfache Formen, 61982) das Rätsel im Zusammenhang mit derMythe gesehen: Danach seien beide aus der, Geistesbeschäftigung um,, Wissen" hervorgegangen: ,, Mythe ist( nach A. Jolles) eine Antwort, in dereine Frage enthalten war; Rätsel ist eine Frage, die eine Antwort( er) heischt".Die ,, Einfache Form" ist demnach ein bestimmtes Feld", in dem sich dieeinzelnen Motive als sogen. ,, Sprachgebärde ausrichten, und zwar gelenktoder gerichtet von der jeweiligen ,, Lebenshaltung oder der zugehörigen,, Geistesbeschäftigung., Jolles' Einfache Formen sind also nicht nur ob-jektive Gebilde, sondern sie bestimmen auch die Wege und Kanäle derÜberlieferung."( H. Bausinger)

Die bisherigen Ergebnisse der Rätselforschung betrafen nach Tomasekvor allem Versuche, die Gattung Rätsel quasi von innen her zu bestimmen,etwa durch Merkmale wie Mythengehalt, Lösung, Lösbarkeit, Spiel unddergleichen; es ging ihr mithin um Rahmenbedingungen, die jedoch dieGattung Rätsel selbst gegenüber anderen Textsorten und Einfachen Formennicht abgrenzen. Gattungen sind vielmehr ,, regulative Grundvorstellungen,