Jahrgang 
99 (1996) / N.S. 50
Seite
275
Einzelbild herunterladen
 

1996, Heft 2

Literatur der Volkskunde

275

HÖRMANN, Ludwig von, Tiroler Volksleben. Bozen, VerlagsanstaltAthesia, 1996, 498 Seiten.

Ludwig von Hörmanns 1909 erschienenes Werk über das Tiroler Volkslebendarf noch immer als die grundlegende Darstellung der Tiroler Brauchtumsfor-schung Glossar ::: zum Glossareintrag schung gelten, die über den nostalgischen Impuls hinaus, der wahrscheinlichzum Nachdruck veranlaßte, Feldforschung mit einer klaren Beobachtungsga-be und weitgehend sachlicher Darstellung vereint. Den besonderen Wertdieses Buches macht der Zeitpunkt der Forschungen Hörmanns aus, der amÜbergang zum Industriezeitalter gerade noch, vom Beharrungsvermögenvolksläufiger Gewohnheiten begünstigt, Aufzeichnungen über vorindustriel-le Lebensformen, Jahres- und Lebensbrauchtum Glossar ::: zum Glossareintrag  Lebensbrauchtum, Arbeitsgewohnheiten undDenkweisen der vorwiegend bäuerlichen Bevölkerung Tirols( und des heuti-gen Südtirols) machen konnte. Dabei zeichnete er auch Sprüche und Lieder,Redensarten und Meinungen der Bevölkerung auf, die nur noch teilweiseheute in Kenntnis sind. Freilich ist er, der sich als gebildeter Beobachter desVolkslebens als, Sittenmaler und Volksschilderer fühlt, nicht frei von ro-mantischen Vorstellungen, wenn er etwa die schweißtreibende Knochenarbeitdes Dreschers als ,, Poesie der Dreschtenne bezeichnet oder bedauert, daßder ,, süße Melodientakt der Tenne( v. Gilm), durch das ,, eintönige Gepolterder Dreschmaschine, die, von keinem Pulsschlag emsiger Arme belebt, inmechanischer Gleichförmigkeit die Menschenarbeit verrichtet, ersetzt wor-den sei. Zeitbedingt sind auch die mythisierenden Interpretationen, die hinterden meisten Bräuchen ,, Reste altgermanischen Naturkults" oder, urheidni-sche Glossar ::: zum Glossareintrag sche Opferbräuche sehen. Was freilich v. Hörmanns Darstellung trotz allemfür uns wertvoll macht, ist die akribische Beschreibung brauchtümlicherFormen, Arbeitsweisen, Gewohnheiten und Ansichten, die das bäuerlicheLeben als Ganzes begreift und nicht aufteilt in ,, materielle und geistige"Volkskultur. Dazu kommt ein lebendiger, bildhafter Stil, der ähnlich wie die, Drei Sommer in Tirol von Ludwig Steub( mit dem er befreundet war) demLeser ungeachtet aller volkskundlicher Ambitionen ein stimmungsvolles Bilddes bäuerlichen Lebens um die Jahrhundertwende vermittelt.

22

Bedauerlich ist, daß der Verlag sich nicht entschließen konnte, eineNeuausgabe zu veranstalten, denn der vorliegende Faksimiledruck schließtmehr oder weniger die jüngere Generation von der Lektüre aus, da sie dieFrakturschrift nur mit Schwierigkeiten lesen kann. Auch ein Sach- bzw.Ortsregister wäre nützlich gewesen. Immerhin ist eine Bibliographie derVeröffentlichungen Hörmanns von H. Steixner- Keller( von der auch eineDissertation über v. Hörmanns Leben und Werk existiert) beigefügt sowieeine biographisches Vorwort von S. de Rachewiltz.

Im ganzen gesehen scheint der Faksimiledruck, dafür spricht auch seineäußere, dem Original nachempfundene Gestaltung, doch mehr einem nostal-