Österreichische Zeitschrift für Volkskunde
Band L/ 99, Wien 1996, 305–320
Das Leiden an der Ungeborgenheit und das Bedürfnisnach Illusionen*
Psychoanalytische Überlegungen zum Heimatbegriff
Von Wolfgang Schmidbauer
Nachdem ich den Auftrag erhalten hatte, als Psychoanalytiker überHeimat zu sprechen, war ich unsicher, an welchem Punkt ich diesenverschwimmenden Begriff fassen könnte, der zwischen Trivialitätund Verheißung zu schwanken scheint. Dann entdeckte ich erleich-tert, daß ein von mir sehr geschätzter Psychoanalytiker- Kollege hierin Wien auf einem Symposion der Erich- Fried- Gesellschaft bereitsüber die Frage gesprochen hat, wieviel Heimat der Mensch braucht.Am Schluß seiner Ausführungen sagte Paul Parin folgendes:
,, Für Psychoanalytiker hat Heimat die Bedeutung einer seelischenPlombe. Sie dient dazu, Lücken auszufüllen, unerträgliche Traumenaufzufangen, seelische Brüche zu überbrücken, die Seele wieder ganzzu machen. Je schlimmer es um einen Menschen bestellt ist, jebrüchiger sein Selbstgefühl ist, desto nötiger hat er oder sie Heimat-gefühle, die wir darum eine Plombe für das Selbstgefühl nennen.Psychoanalytiker haben es leichter als jene, die sich um Heimat indiesem oder jenem Land, in diesem Staat, jener Nation, um Heimatin einer Weltanschauung, Dichtung, Religion oder Sprache küm-mern."
Nachdem er sich auf diese Weise sozusagen geräuspert hat, holtParin zu dem abschließenden Urteil aus. Er wählt die Wir- Form derAussage. Die Gemeinschaft der Psychoanalytiker, in Wien entstan-den, überall in der modernen Welt zuhause, spricht demnach so:
, Wir sagen: Wer ein gutes Selbstgefühl hat, der hat Heimat. Wemes daran gebricht, der habe Heimat."
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Vortrag anläßlich des Symposiums zur Ausstellung ,, Heimat- Auf der Suchenach der verlorenen Identität“, Wien, Jüdisches Museum der Stadt Wien, 26.Februar bis 1. März 1995.