Jahrgang 
99 (1996) / N.S. 50
Seite
371
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1996, Heft 3

Literatur der Volkskunde

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Herausgeber im Vorwort berichtet, gab es 1942 im Sarntal bei den Erfassungsar-beiten mehr Probleme als noch 1940/1941 auf dem Ritten. Den Hausforschernschlug also in den Wirren des Zweiten Weltkrieges und der Option bereits stärkeresMißtrauen entgegen. Hinzu kam, daß zu zahlreichen Höfen die zeichnerischenUnterlagen verloren gegangen sind. Alles in allem handelt es sich, wie einem beijeder neuen Durchsicht deutlicher wird, so oder so um wertvolles haus- undvolkskundliches Dokumentationsmaterial, das freilich noch der eingehenden Ana-lyse und Aufarbeitung bedarf. Dem Herausgeber, dem Verlag und den zahlreichenFörderern dieses Unternehmens und seiner großzügigen Realisierung gebührtnachhaltiger Dank nicht allein und nicht zuletzt seitens der volkskundlichenHausforschung für die Herausgabe eines bisher unzugänglichen und lange Zeit alsverloren gegoltenen Quellenbestandes.

Oskar Moser

KARLINGER, Felix, Der Graal im Spiegel romanischer Volkserzählun-gen. Wien, Edition Praesens, 1996, 201 Seiten.

Es erübrigt sich, auf literarische Thematisierungen des Gralstoffes hinzu-weisen, wie sie das Mittelalter für ein elitäres Publikum hervorgebracht hat.Auch heute noch findet beispielsweise der ,, Parzival" Wolframs von Eschen-bach, vor allem für junge Leser bearbeitet, eine rege Rezeption.

Daß nun aber diese Suche nach einem wunderbaren, heilbringendenGegenstand als Erzählkomplex mit vielschichtiger und zum Teil autonomerMotivik in einer bis in die jüngere Vergangenheit lebendig gebliebenenpopulären Tradition nachweisbar ist, zeigt uns Felix Karlinger in seinemneuesten Buch.

Es ist dies eine Dokumentation von Erzähltexten, die der Feldforscherteils selbst exploriert und ausgezeichnet übersetzt, teils unveröffentlichtenMaterialsammlungen wie etwa der seiner früh verstorbenen Schülerin Thor-dis von Seuss entnommen hat. Bescheiden spricht der Autor, sein Korpuserläuternd, von einer ,, Beschränkung auf die Romania und Darbietung von,, Ausschnitten", um dann aber dem Leser weitreichende Einblicke in dasden Gralstoff konkretisierende Erzählgut aller romanischen Sprachräume zuermöglichen, wobei der exzellente Kenner der sardischen Folklore diesenkleinen Bereich besonders attraktiv herausstellt.

Wenn zunächst die im Mittelalter entstandenen Thematisierungen desGralkomplexes den Textbelegen der mündlichen Tradition gegenüberge-stellt werden, so geschieht dies nicht in der Absicht, Filiationen oder Abhän-gigkeiten im Sinne von, gesunkenem Kulturgut nachzuweisen. Karlingerist sich völlig im klaren darüber, daß der Stoff schon lange vor der Entste-