1996, Heft 3
Literatur der Volkskunde
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Eine katalanische Sage( S. 144), die zugleich auch die in den romanischenVolkserzählungen immer wieder anzutreffende Verknüpfung des Gral- Kom-plexes mit dem Sagenkreis um Karl dem Großen dokumentiert, führt dannvor Augen, daß der Erzähler als Gestalter des Stoffes nicht zwangsläufig aufder Seite des Helden stehen muß. Hier hat der begangene Diebstahl Konse-quenzen, die den Helden allerdings nicht unmittelbar treffen, ihn aberdennoch zwingen, das begangene Unrecht wieder gutzumachen.
In ihrer Gesamtheit vermitteln die von Felix Karlinger dargebotenen undkommentierten Texte dem Leser einen erhellenden Einblick in Tradierungs-abläufe, die zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit verliefen und einemzeitlosen Stoff galten, der- wie der Autor treffend formuliert- ,, viel mehrbedeutete als eine, normale' Thematik für einen entsprechenden Leser- oderZuhörerkreis".
Ohne Frage ist dieses Buch auch eine Fundgrube für alle, die einenintegralen Zugang zu mediävaler Literatur suchen.
Johann Pögl
BREDNICH, Rolf Wilhelm, Die Ratte am Strohhalm. Allerneueste sa-genhafte Geschichten von heute. München, Beck, 1996, 181 Seiten.
,, Die Ratte am Strohhalm" ist der mittlerweile vierte Band mit Gegenwarts-sagen, die Rolf Wilhelm Brednich gesammelt und herausgegeben hat. AlsKriterien für die Aufnahme in das Werk nennt er( S. 6 f.) 1. den Bekannt-heitsgrad in Mitteleuropa, 2. Themen, die innerhalb bestimmter Berufs- oderGesellschaftsgruppen kursieren( neben die schon traditionellen Studenten-und Akademikergeschichten treten nun verstärkt solche aus dem nicht- aka-demischen Bereich wie Bauarbeiter, Seefahrer oder Fahrschullehrer, wassicher auf die verstärkte Zuschriftentätigkeit der Leser der bereits erschie-nenen Bände zurückzuführen ist), 3. aktuelle Neuerungen wie Handy, Fax,Internet, Airbag oder grüner Punkt(= Recycling- System in Deutschland),4. traditionelle Themen des zeitgenössischen Alltags, nämlich Auto undVerkehr, Urlaub und Reisen, Fremde und Ausländer, Liebe und Sex; Schule,Universität und Militär, 5. DDR- Geschichten, die mit 23 Erzählungen denumfangreichsten Teilbereich ausmachen und vor allem deswegen aufgenom-men wurden, damit sie nicht in Vergessenheit geraten. Insgesamt eineMischung aus bekannten und neuen Themen, welche deutlich machen, daßdem Gebiet der Sage keinesfalls der Geruch des Verstaubten anhaften muß,daß es aktuell und allgegenwärtig ist. Dies für den deutschen Sprachraumerwiesen zu haben, ist das bleibende Verdienst des Herausgebers.