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Literatur der Volkskunde
ÖZV L/ 99
auf ältere Motive nicht in jedem Fall tragfähig, weil er zur oftmals unent-scheidbaren Alternative: Spontanbildung oder Tradition? führt.
Aber das sind eher Kleinigkeiten, die der Qualität der Publikation keinenAbbruch tun, zumal man als Volkskundler weniger an der Glaubwürdigkeitder Geschichten interessiert ist als vielmehr an ihrer Funktion, wofür auchdie Kommentare des Herausgebers eine wertvolle und sachkundige Quellesind.
Am Ende bleibt noch anzumerken, daß das Buch mit einem Titel- undMotivregister für alle bisher erschienenen Bände ausgestattet ist, wodurchdas Arbeiten mit ihnen entscheidend erleichtert wird.
Bernd Rieken
HOLZER, Anton, Die Bewaffnung des Auges. Die Drei Zinnen oder Einekleine Geschichte vom Blick auf das Gebirge. Wien, Turia+ Kant, 1996, 124Seiten, 48 S/ W- Abb.
STEINER, Gertraud, Gehlüste. Alpenreisen und Wanderkultur. Salz-burg/ Wien, Otto Müller Verlag, 1995, 259 Seiten, 12 Tafeln mit zus. 55S/ W- Abb.
Daß die Wahrnehmung von sog. Natur keine konstante ist, hat uns nicht erstdieses Jahrhundert gelehrt, daß hingegen jedwede Natur im Auge des Be-trachters Kultur wird, weitgehend schon. Zwei Neuerscheinungen, die vondiesem Ansatz ausgehen, verfolgen exemplarisch für die Alpen, wie sich derBlick auf das Gebirge, die Erfahrung von Landschaft beim Gehen in denBergen verändert hat. Damit sind bereits die Gemeinsamkeiten von AntonHolzers ,, Die Bewaffnung des Auges" und Gertraud Steiners ,, Gehlüste"benannt. Im Hinblick auf die Konsequenz in der Interpretation des ausge-breiteten Materials, vor allem aber im Hinblick auf die letzten Schlußfolge-rungen sind größere Unterschiede bei zwei Büchern über letztlich doch sonahverwandte Themen allerdings kaum vorstellbar.
Holzer nähert sich seinem engbegrenzten Gegenstand mit eigenwilligerSkepsis, versucht- er nennt den Band selbst einen Essay-, Postkarten alsText zu nehmen und der Einübung des ,, richtigen" Blicks auf die Spur zukommen. Steiner hingegen läßt Texte sprechen, formuliert dazwischenÜbergänge mit der Unverbindlichkeit der Anthologin und bedient sich derBilder bestenfalls als einer Art illustrierender Zutat. Sie glaubt offensichtlichselbst an die Kraft der Alpen, nimmt als gegeben, was nicht wenigerkonstruierten Charakters ist wie die referierten historischen Sichtweisen.,, Gehen versetzt in die bewegliche Mitte der menschlichen Natur“( S. 7),