Jahrgang 
99 (1996) / N.S. 50
Seite
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Literatur der Volkskunde

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ÖZV L/ 99

der die ungezählten Drei- Zinnen- Postkarten erst zu eigentlichen Quellen,, gemacht hat. Seine Fragen an das eingestandenermaßen- zufälligeKonvolut sind eindringliche, seine Antworten vorsichtige. Die Arbeitsweiseinsgesamt gleicht einer sehr behutsamen Einkreisung, die Doppeldeutigkei-ten nicht zugunsten scheinbar gesicherten Vorwissens aufgibt. Heikel wirddie Plausibilität der Argumentationskette dort, wo Leerstellen zu Belegstel-len und Lücken in der Überlieferung mit Bedeutung aufgeladen werden. DieGeschichte, die Holzer zu erzählen hat, ist die Denkmalwerdung der drei,, Felspyramiden( eine vielbemühte und sinnfällige Bergmetapher) oderanders gesagt: jener Prozeß von Imagination und Reproduktion, in dessenVerlauf sich aus einer Vielzahl möglicher Perspektiven auf den Gebirgszugdie Ansicht von Norden schließlich als die allein ,, richtige" herauskristalli-siert hat. Dabei stand der Erste Weltkrieg im Zentrum der Regiearbeit, undHolzer belegt mit aufregenden Bildquellen, wie sich der ,, waffentragendeBlick" als der klassische eingerichtet hat. Durchgängig betreibt der Autoreine präzise Bildexegese- exemplarisch sei sein Verfahren mit der berühm-ten Photographie der ,, Heimführung" Sepp Innerkoflers genannt, gedeutetals vorweggenommene Synthese von ,, Standhaftigkeit und Verlust" und als,, Einladung zum symbolischen Nach- Gehen( S. 54). Eine Nachschrift gibtvertiefende Einblicke in methodische und grundsätzliche Überlegungen zurHistorisierung der ,, Ebene des Blicks" als Schlüssel der Lektüre überliefer-ter Landschaftsmentalitäten.

Freilich wird man an Holzers Entwurf eine wohl am ehesten als modischzu nennende Arbeitsweise( die ja immer auch die entsprechende Sprache mitsich zieht) kritisieren können, aber die referierte Geschichte ist neu undüberzeugend. Dies allein schon verdient allemal mehr Aufmerksamkeit undAnerkennung als die repetitive und vordergründig kritische Aufbereitungeiner Naturästhetik der Alpenreisen, mit der man sich bei Steiners ,, Geh-lüsten" konfrontiert sieht.

Bernhard Tschofen

RUPP- EISENREICH, Britta und Justin STAGL( Hg.), Kulturwissen-schaft im Vielvölkerstaat. Zur Geschichte der Ethnologie und verwandterGebiete in Österreich, ca. 1780 1918[ L'anthropologie et l'état pluri- cul-turel. Le cas de l'Autriche, de 1780 à 1918 environs].(= EthnologicaAustriaca 1). Wien- Köln Weimar, Böhlau Verlag, 1995, 308 Seiten.

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1989 fand in Paris ein von den Herausgebern dieses Bandes geleitetesinternationales Kolloquium zum Thema, L'anthropologie et l'Etat pluri-culturel: le cas de l'Autriche" statt( die unterschiedlichen Schreibweisen von