Jahrgang 
99 (1996) / N.S. 50
Seite
513
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1996, Heft 4

Literatur der Volkskunde

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Im Überblick läßt sich sagen, daß die vorliegende Studiensammlungeinen wertvollen Beitrag auch zur Mentalitätsgeschichte bietet. Der AutorPetrus Alfonsi selbst hat ja bereits die Funktion seiner Sammlung angedeutetund in seiner Vorrede geschrieben: ,, Ich habe auch über die Gebrechlichkeitdes menschlichen Wesens nachgesonnen: damit sich kein Widerwillen ein-stellt, ist es nötig, in der Belehrung sozusagen Schritt für Schritt vorzugehen;und indem ich mich seiner harten Bedingung erinnerte,(...) habe ich denStoff milder und angenehmer gestaltet."

Die Verbindung von lockerem Stil und spannendem Inhalt wird in demvorliegenden Sammelband gut herausgestellt und gegenüber dem trockenenund spröden Gelehrtenton anderer Autoren des lateinischen Mittelaltersabgegrenzt.

Die Beliebtheit der Disciplina clericalis" ist nicht nur an den übersechzig Handschriften ablesbar, in denen uns das Werk erhalten blieb,sondern auch an den früh einsetzenden Übersetzungen ins Spanische, Kata-lanische, Französische, Italienische, Englische und Deutsche.

Es wäre zu wünschen, daß der Sammelband auch in unserer Spracheerscheinen könnte.

Felix Karlinger

BLAGA, Lucian, Antologie de Poezie populară Volksdichtung, eineAnthologie. Neudruck und aus dem Rumänischen übersetzt von Artur Grei-ve, Gerda Schüler, Ion Taloş. Einführung von Ion Taloş. Buchschmuck vonMihu Vulcänescu. Bukarest, Verlag Grai şi Suflet, 1995, 308 Seiten.

Es war wenig bekannt, daß der rumänischen Dichter und Philosoph Blaga,der seinerzeit in Wien promoviert hat, auch Volkslieder sammelte undedierte. Umso erfreulicher ist es, daß nun die alte Ausgabe in einer mitAkribie ausgeführten neuen Edition einschließlich einer deutschen Überset-zung vorliegt. Die drei in Köln wirkenden Übersetzer- Taloş bereits inVolkskundekreisen als Sagenspezialist bekannt und Universitätslehrerhaben mit dem vorliegenden Werk sich ein Verdienst erworben, das sowohlder Volkskunde wie der vergleichenden Literaturwissenschaft nützt.

Dazu zählt auch die Wiedergabe zweier Studien von Blaga Von derSehnsucht und Zwischenspiel-, die sich teils mit mentalitätsgeschicht-lichen, teils mit stilistischen Fragen und Problemen beschäftigen. Gerade imBereich des Volkslieds stoßen wir ja immer wieder auf Begriffe, die schwie-rig in unser eigenes Idiom zu übertragen sind, weil die kaleidoskopartigenNuancen ihrer Bedeutung schillern und oft nur aus dem Kontext erfaßtwerden können.