Jahrgang 
99 (1996) / N.S. 50
Seite
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Literatur der Volkskunde

ÖZV L/ 99

VERMEULEN, Han F., Arturo Alvarez ROLDÁN( Ed.), Fieldwork andFootnotes. Studies in the History of European Anthropology. London andNew York, Routledge, 1995, 261 Seiten.

Als anno 1894 mit der Wiener Gründung von Verein, Zeitschrift und Muse-um der hiesigen Volkskunde eine erste Plattform ihrer Popularisierung undfachlichen Entwicklung geschaffen werden sollte, berief man sich auf eineReihe von Vorbildern und Pendants jenseits der Grenzen der Habsburger-monarchie und unterstrich solcherart die Notwendigkeit und Aktualität desVorhabens ,,, mit dem unser Österreich gegenüber den anderen europäischenCulturländern im Rückstande war"( ZföV 1 1895, S. 22). Doch wennMichael Haberlandt seinerzeit in patriotischer Gesinnung jene ,, öffentlicheAufmerksamkeit, die sich in anderen europäischen Staaten ,, längst ingroßartigem Stile den volksthümlichen Gütern der Nationen zuwendet"( ebda.), eingemahnt hat, muß retrospektiv gefragt werden, von welchemFach da kurz vor der Jahrhundertwende europaweite Institutionalisierungbehauptet wurde, unter welchen Bezeichnungen, Intentionen und Zielen esim internationalen Feld sich positionierte und inwieweit hier überhaupt voneiner der ,, Volkskunde" des deutschsprachigen Raumes vergleichbaren Dis-ziplin gesprochen werden konnte- Fragen, die angesichts des heutigenWissenschaftsbetriebes, in dem zunehmend konvergierende Thematik ineinem weiten organisatorischen Spektrum und von Fachleuten höchst unter-schiedlicher akademischer Provenienz wahrgenommen wird, von mehr alsbloẞ historischem Interesse sind. Jenes patchwork von Disziplinen undwissenschaftlichen Interessen, das die Rede von einer Europäischen Anthro-pologie kaum zuläßt, ist denn auch Ausgangspunkt des hier anzuzeigendenBandes: ,,, Anthropology"- so die Herausgeber einleitend- ,, is used in thisvolume as a general term for a group of studies including ethnology,ethnography, social and cultural anthropology, folklore studies and biologi-cal anthropology.( S. 8)

Die Konzeption der ,, founding fathers" hiesiger Volkskunde ist- mitThomas K. Schippers resümierendem Blick auf die Entwicklung der euro-päischen Anthropologien als einer ,, history of paradoxes"- vor dem Hin-tergrund einer Ende des 19. Jahrhunderts einsetzenden, länderweise diffe-rierenden programmatischen, methodischen und institutionären Entwick-lung zu sehen und spiegelt exemplarisch eine europaweit feststellbare Ten-denz: Haberlandt, Hein und Hoernes- alle drei als wissenschaftliche Beam-te an der anthropologisch- ethnographischen Abteilung des k. k. naturhisto-rischen Hofmuseums, dem späteren Völkerkundemuseum, tätig und ihrerakademischen Herkunft als Indologe, Orientalist Glossar ::: zum Glossareintrag  Orientalist bzw. Prähistoriker nachdurchaus nicht für die Etablierung hiesiger Volkskunde prädisponiertwaren typische Vertreter einer ,, domestic variant" der Anthropologie, wie