Jahrgang 
104 (2001) / N.S. 55
Seite
53
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Österreichische Zeitschrift für Volkskunde

Band LV/ 104, Wien 2001, 53-97

Literatur der Volkskunde

BIELEFELD, Ulrich, Gisela ENGEL( Hg.): Bilder der Nation. Kulturelleund politische Konstruktionen des Nationalen am Beginn der europäischenModerne. Hamburg, Hamburger Edition Verlagsgesellschaft, 1998, 440Seiten, 34 Abbildungen.

Die Spannung von Identität und Differenz als Grundproblem menschlicherExistenz in der Moderne markiert den einen Pol der hier versammeltenTexte. Die ,, Imagined Communities, wie sie der einflußreiche Text vonBenedict Anderson skizziert hat, verweist auf den anderen. Andersons Thesevon der Nation als ,, erfundener" Gemeinschaft ist das dominierende gemein-same Vielfache, das die in diesem Band vereinigten Beiträge verbindetTexte aus Philosophie, Soziologie, Politikwissenschaft, Kunstgeschichteund Cultural Studies und einer literaturwissenschaftlich grundierten Kultur-wissenschaft( und als Kulturwissenschaften verstehen sich ja inzwischenfast alle geisteswissenschaftlichen Disziplinen. Die Texte behandeln dieStiftung von Subjektivität als eine verbalisierte und in Bilder gefaßte Erfah-rungen von Körperlichkeit( und deren Abbildung), die in der Folge eineweitgespannte Metaphorik ausbildet und die sich in der frühen Neuzeit alsneue Bild- Sprache( und als Sprach- Bild) entwickelt. Sie reicht in symboli-sche und reale Kartographie, bildet die europäische Welt als Körper ab undverkörperlicht die Welt und ihre Institutionen.

Die Einheit der Nation wird, das ist klar, in der frühen Neuzeit ,, gestiftet":durch ,, the kings body, durch Landkarten und durch die Revolution; durchKunst, die nicht ,, spiegelt, was ist, sondern die über ihre Art der Darstel-lungen selbst am Produktionsprozeß des Wissens über die Nation beteiligtist; und endlich, in den Prozessen der Modernisierung dann, durch neueFormen der Öffentlichkeit. ,, Die Nation" entsteht also diskursiv, wird zu-sammengeschrieben und hergeredet, ist also keinesfalls jene natürlicheGegebenheit, als die sie dann erscheinen will und als die sie schließlich soselbstverständlich aufscheint.

Nun lassen sich bei den versammelten Texten zwei Tendenzen der Inter-pretation und damit der Verweisgeschichte der Bilder der Nation ausmachen:die eine, die vordemokratische, setzt die Nationen bereits als Phänomen des16. Jahrhunderts an( etwa als ,, the kings body" ,,, the queens body" inEngland). Besonders ist es wohl die Kategorie der Konfessionalität, die in