Jahrgang 
104 (2001) / N.S. 55
Seite
66
Einzelbild herunterladen
 

66

Literatur der Volkskunde

ÖZV LV/ 104

Die Tatsache, dass ,, Erzählen zum Hauptthema eines Sammelbandes ineiner volkskundlichen Reihe gemacht und in den Kontext der kulturwissen-schaftlichen Kommunikationsforschung gestellt wurde, ist ermutigend. Siestellt nicht nur das Interesse an Zusammenarbeit der in sich selbst stark diffe-renzierten Fächer unter Beweis, sondern zeigt auch der Erzählforschung, dassihr Streben bei weitem nicht vergessen ist. Die Disziplinen grenzen sich wenigerdurch ihre Gegenstände und Methoden als durch ihre spezifische Fragestellungvoneinander ab, was sich jedoch für die Bearbeitung eines so komplexenThemas wie ,, Erzählen als äußerst aufschlussreich erweist.

Susanne Hose

HALWACHS, Dieter W., Emmerich GÄRTNER- HORVATH, MichaelWOGG( Hg.): Der Rom und der Teufel- O Rom taj o beng. Märchen,Erzählungen und Lieder der Roma aus dem Burgenland. Klagenfurt, DravaVerlag, 2000, 256 Seiten.

,, Seit jeher haben die Roma im Burgenland ihre gesamte Kultur mündlichüberliefert: In Märchen, Erzählungen und Lieder gefasst, werden Erfahrun-gen der Alten an die Jungen weitergegeben.( S.9). Mit diesen Wortenbeginnt das Vorwort des vorliegenden Buches, und eines der wesentlichstenMerkmale der Romakultur, nämlich die ausschließlich mündliche Tradie-rung, wird damit angesprochen. Weiter erfährt der Leser, in welchem Kon-text diese Publikation steht und welche Intentionen sie verfolgt: Es geht vorallem um die Erhaltung der Sprache, des Roman. Roman ist eine Variantedes weltweit von den Roma gesprochenen Romanes, einer Sprache, die ihreWurzeln im Sanskrit hat und in vielen verschiedenen Varianten existiert.Roman ist die Sprach- Variante der burgenländischen Roma. Diese Roma-Gruppe ist aus verschiedenen Gebieten Ungarns und Sloweniens in dasheutige Siedlungsgebiet( damals Westungarn, seit 1921 Burgenland) zuge-wandert. Die ersten Erwähnungen ihrer Anwesenheit reichen auf das14. Jahrhundert zurück. Ihre Geschichte ist geprägt von Vertreibung, Verfol-gung oder Zwangsassimilierung. In der NS- Zeit wurden fast alle der 7000bis 8000 burgenländischen Roma in den KZs der Nazis ermordet. Es über-lebten nur einige hundert, die nach dem Krieg vor dem Nichts standen: ,, DieSiedlungen sind dem Erdboden gleichgemacht, das wenige Eigentum ver-schwunden. Viel problematischer als dieser materielle Verlust ist jedoch diefehlende, da durch den Genozid zerstörte, Soziostruktur, aber auch derUmstand, daß Stigmatisierung und Diskriminierung mit dem Kriegsendekeineswegs aufhören.( S. 225) Diese Situation hat bewirkt, daß viele Roma