2001, Heft 2
Mitteilungen
Erinnerungen an Richard Beitl( 1900-1982)
Herbert Schempf
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1960 nahm Richard Beitl seine Vorlesungen an der jetzt Freien UniversitätBerlin wieder auf. Dort, allerdings in der alten; Unter den Linden gelegenenKaiser Wilhelm- Universität, heute Humboldt Universität, hatte er sich 1933auf Anraten von Arthur Hübner für das Fach Deutsche Volkskunde, das bisdahin in Berlin nicht vertreten war, mit einer Untersuchung über ,, Korndä-monen und Kinderscheuche" habilitiert. 1921 war Richard Beitl zum Studi-um aus Vorarlberg nach Berlin gekommen und hatte, von wenigen Nach-kriegsjahren abgesehen, der Stadt bis 1980 die Treue gehalten, ohne jedochdarüber seine Vorarlberger Heimat, wohin er für seine beiden letzten Le-bensjahre wieder zurückkehrte, literarisch zu vergessen.
Aber es war nicht eigentlich er, den ich 1964 in der Dahlemer Aulaaufsuchen wollte, nachdem ich das juristische Studium abgeschlossen undzur weiteren Ausbildung nach Berlin gekommen war. In Tübingen hatte ichdie Bekanntschaft mit Eckehard Catholy( Jahrgang 1914) gemacht, der sichdort mit einer vielbeachteten Arbeit über das Fastnachtspiel des Spätmittel-alters( Tübingen 1961)' habilitiert und daraufhin einen Ruf an die FreieUniversität auf einen Lehrstuhl für Deutsche Philologie angenommen hatte.Da die juristische Weiterbildung mir genügend freie Zeit ließ, wollte ichversuchen, an einer seiner Lehrveranstaltungen teilzunehmen, womit erhöchst einverstanden war und mich in sein Seminar über das EisenacherZehnjungfrauenspiel Glossar ::: zum Glossareintrag Zehnjungfrauenspiel aufnahm. Ich versuchte deshalb am Schwarzen Brettdas Vorlesungs- und Übungsangebot zu erkunden und stieß eigentlich mehrdurch Zufall auf die Ankündigung von Richard Beitl, im Wintersemester1964/65 eine Übung zum Thema ,, Rechtsüberlieferungen im Volk“ abzuhal-ten. Das Thema erweckte mein Interesse, hatte ich doch in Tübingen beiFerdinand Elsener und in München bei Friedrich Merzbacher Vorlesungenzur Deutschen Rechtsgeschichte besucht, die sich beide, wovon ich aber erstwesentlich später erfuhr, mit Fragen einer volkstümlichen Rechtskulturbeschäftigt haben. Also begab ich mich in die Sprechstunde zu Richard1 E. Catholy ist auch der Autor des zweibändigen Werkes ,, Das deutsche Lustspiel"( Stuttgart 1969 bzw. 1982), einer Monographie ,, Karl Philipp Moritz und dieUrsprünge der deutschen Theaterleidenschaft“( Tübingen 1962), einer Gesamt-darstellung des deutschsprachigen Fastnachtspiels( Sammlung Metzler 56) sowiezahlreicher Aufsätze, darunter ,, Das Tiroler Fastnachtspiel und Nürnberg. Plagiatoder Neuschöpfung?" In: Tiroler Volksschauspiel. Bozen 1976, S. 60-73, woriner die Eigenständigkeit der Spiele des Sterzingers Vigil Raber nachweist.