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Chronik der Volkskunde
ÖZV LV/ 104
,, Arbeitsmigration"
Volkskundliche Aspekte der Arbeitsmigration
im östlichen Mitteleuropa und in Südosteuropa
Tagung der Fachkommission für Volkskunde des Johann- Gottfried- Herder-Forschungsrats und des Etnologický ústav AV ČR in Brno/ Brünnam 20. und 21. Oktober 2000
Historische und aktuelle Fragestellungen im Zusammenhang mit dem The-ma Arbeitsmigration standen auf dem Programm einer gemeinsamen Ta-gung der Fachkommission für Volkskunde des Johann- Gottfried- Herder-Forschungsrats und des Etnologický ústav AV ČR, des EthnologischenInstituts der Tschechischen Akademie der Wissenschaften, in Brno( Brünn),zu der sich deutsche, tschechische, slowakische und polnische Wissen-schaftler trafen. In einleitenden Worten umrissen die Veranstaltungsleiter,Klaus Roth( München) und Jana Pospíšilová( Brno), die Komplexität desBegriffes ,, Arbeitsmigration", die im Seminarverlauf auch anhand der Viel-falt der Beiträge illustriert wurde.
Vier Vorträge widmeten sich einem klassischen volkskundlichen For-schungsgebiet der Arbeitsmigration, wandernden Handwerkern in der frü-hen Neuzeit und im 19. Jahrhundert. Márta Fata( Tübingen) stellte dieWanderschaft des 1835 in Fünfkirchen( Pécs) geborenen Joseph Angster vor,der nach einer Tischlerlehre während seiner 13 Jahre dauernden Wander-schaft zum Orgelbau fand und zu einem gefragten Orgelbauer im Ungarndes 19. Jahrhunderts wurde. Die Referentin setzte einen besonderen Akzentauf die Rolle der Gesellenvereine als Institution der Glaubensvertiefung undder( Weiter-) Bildung während der Wanderjahre.
Heinke Kalinke( Freiburg) befaßte sich mit der von 1803 bis 1816dauernden Wanderzeit des protestantischen Webergesellen Benjamin Riedelaus dem großpolnischen Krotoschin( Krotoszin), dessen Bericht 1938 ingedruckter Form veröffentlicht wurde. Ihr Schwerpunkt lag dabei auf derinterkulturellen Wahrnehmung der von Riedel besuchten Länder undGegenden. Dieser empfand Sympathie für die polnische Freiheitsbewegung,schilderte eine katholische Prozession, die Lage der( ihm aus seiner Heimat-stadt vertrauten) Juden und die Sitten und Bräuche unterschiedlicher imrussischen Heer versammelter Nationalitäten. Insgesamt lassen sich seineBewertungskriterien nach Stand, Nation und Religion unterscheiden.
Drei weibliche Wanderberufe aus Westböhmen waren das Thema desVortrages von Elisabeth Fendl( Freiburg). Unter der Fragestellung desKulturtransfers, des männlichen Blicks auf weibliche Arbeit und der Folklo-risierung stellte sie die Klöppelmädchen, die Harfenistinnen und die Kö-