2001, Heft 2
Literatur der Volkskunde
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MENNINGHAUS, Winfried: Ekel. Theorie und Geschichte einer starkenEmpfindung. Frankfurt am Main, Suhrkamp Verlag, 1999, 591 Seiten.
Der Literaturwissenschaftler Winfried Menninghaus hat sich mit dieserumfangreichen Studie eines Themas angenommen, das von vielen zunächsteinmal als von marginaler Bedeutung eingestuft werden mag. Bereits dieersten einleitenden Seiten des Buches belehren jedoch eines Besseren.Menninghaus geht dem Ekel als einer der heftigsten Affektionen desmenschlichen Wahrnehmungssystems nach und beschreibt ihn als eineChiffre der Bedrohung: ,, Im Ekel scheint nie weniger als alles auf dem Spielzu stehen. Er ist ein Alarm- und Ausnahmezustand, eine akute Krise derSelbstbehauptung gegen eine unassimilierbare Andersheit, ein Krampf undKampf, in dem es buchstäblich um Sein oder Nicht- Sein geht."( S. 7) Derverwesende Leichnam ist demnach das Ekelerregendste, und so ist nachMenninghaus jedes Nachdenken über den Ekel auch eines über den verwe-senden Leichnam. Als elementares Muster des Ekels nennt Menninghaus dieErfahrung einer Nähe, die nicht gewollt wird: Eine sich aufdrängendePräsenz, eine riechende oder schmeckende Konsumtion wird spontan alsKontamination bewertet und mit Gewalt distanziert( z.B. durch Erbrechenals einer Form des Sich- aus- der- Nähe- Entfernens). Insofern kann die Theo-rie des Ekels als ein- allerdings nicht symmetrisches- Gegenstück zurTheorie der Liebe, des Begehrens oder des Appetits als Formen des Um-gangs mit einer Nähe, die gewollt wird, bezeichnet werden. Die Abwehrhal-tung des Ekels istmit Nietzsche ein spontanes und besonders kräftigesNein- Sagen, präziser: eine Unfähigkeit, nicht Nein zu sagen. Als eine solchequasi- automatische Form des Nein- Sagens ist der Ekel an der Grenzebewußter Handlungsmuster und unbewußter Handlungsantriebe angesiedeltund somit ein affektiver Operator elementarer zivilisatorischer Tabus undsozialer Fremd- eigen- Differenzen, und zugleich ein Medium für den Um-gang mit starken libidinösen Antrieben.
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Menninghaus legt mit diesem Buch die bisher umfassendste Studie zurBedeutung und Funktion des Ekels in Philosophie, Ästhetik, Kunst, Litera-tur, Psychoanalyse, Zivilisationstheorie und Alltagskultur vor. Nicht zuletztaufgrund der Quellenprobleme, die sich daraus ergeben würden, verfolgt erdabei nicht das Ziel, eine Geschichte des ,, wirklichen“ Ekels( der weitge-hend undokumentiert geblieben ist) zu schreiben, im Mittelpunkt seinerAusführungen stehen vielmehr verschiedene theoretische Zugänge zumEkel. Der zeitliche Rahmen der Untersuchung erstreckt sich von der Mittedes 18. Jahrhunderts bis zur Gegenwart- es geht dem Autor um maßgebli-che theoretische Beschreibungen oder Verwendungen des Ekels seit derspezifisch modernen Promotion von Geschmack in den Rang eines selbst-