Jahrgang 
104 (2001) / N.S. 55
Seite
210
Einzelbild herunterladen
 

210

Literatur der Volkskunde

ÖZV LV/ 104

KLOTZ, Volker: Gegenstand als Gegenspieler. Widersacher auf derBühne. Dinge, Briefe, aber auch Barbiere. Wien, Sonderzahl Verlag, 2000,281 Seiten.

Volker Klotz ist einer jener seltenen Literaturwissenschaftler, die nicht nureine akademische Professur mit praktischer Theaterarbeit mühelos zu ver-einigen verstehen, sondern denen auch die Lust am Fabulieren und Ent-decken ebenso wichtig ist wie der Gegenstand, dem sie sich widmen. Auchin seinem neuen Buch liegt, wie schon der geradezu barocke Titel ankündigt,ebensoviel Poesie wie Programm.

Diesmal geht es Klotz um das Requisit, um Dinge, die mit den mensch-lichen Lebewesen das Geschehen auf der Theaterbühne bestreiten, dieebenso bedeutsam wie wirksam treffen, verfolgen, helfen, fallen und verlo-ren gehen können. Und auch in diesem Buch verbindet er Deutungslust mitintimer Theaterkenntnis, legt den akademischen Diskursballast einmal bei-seite, um sich unbekümmert auf die Quellen, auf Texte und Partitureneinzulassen.

Das Buch besteht aus drei umfangreichen Essays, in denen Klotz jeweilsgrundsätzliche dramaturgische Kontexte erläutert, um dann fließend inFallbeispiele überzugehen, an denen er Detailanalysen vornimmt und Son-derfälle erörtert.

Spätestens seit es die Guckkastenbühne gibt und man aus dem Dunkel inden beleuchteten Rahmen des Bühnenkastens schauen kann, fallen demPublikum Gegenstände deutlich auf, die ins Geschehen eingreifen können.Daß sie auf der Bühne bedeutsamer werden können als in den anderenliterarischen Formen, liegt, wie Klotz ausführt, am szenischen Antagonis-mus des Theaters, am Umstand, daß dort mindestens zwei Personen einanderim Widerstreit liegen, von denen fallweise eine durch einen Gegenstandvertreten werden kann. Auch unscheinbare Objekte können sich da mitbrisanter szenischer Energie aufladen. In den Tragödien ist es zumeist einevergangene Handlung, die sich im Gegenstand eingelagert hat und ihreSprengkraft entladen kann, so bald etwa das Objekt vom falschen Akteurzum falschen Augenblick in die Hand genommen wird. Die bekanntestenFälle: Penthesileas Bogen, das Taschentuch der Desdemona, WoyzecksMesser, aber auch in der Komödie Blumentöpfe, Hutnadeln, Amulette,Uhren.

Vor allem Stücke aus der Mottenkiste der Theaterliteratur, über die sichwohl kaum noch eine Bühne wagen würde, lassen Dingmoden und die mitihnen beabsichtigten dramaturgischen Kunstkniffe oft besonders drastischerkennen. Da wäre etwa das Schauerdrama ,, Vierundzwanzigster Februar"des Dichters und Wanderpredigers Zacharias Werner. An jenem Tag, im