Jahrgang 
104 (2001) / N.S. 55
Seite
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2001, Heft 2

Literatur der Volkskunde

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TRÜBSWASSER, Walter: Hiatabuam, riegelt's euch... Der Perchtoldsdor-fer Weinhütereinzug. Korneuburg, Ueberreuter Print, 1999, 175 Seiten.

Als beeidigte und bewaffnete Wachen lebten die Weinhüter von der Trau-benreife bis zum Ende der Ernte im Weingarten und verteidigten diesengegen Wild, Vögel und Traubendiebe. Ihre Entlohnung, Rechte und Pflich-ten wurden in den Hüterordnungen festgelegt. Erste Erwähnungen findensich für Niederösterreich im Spätmittelalter. Bis ins 20. Jahrhundert warensie fester Bestandteil des Weinbaus. Der Hütereinzug, die Erntedankfeierder Weinbauern, bildet den feierlichen Abschluss des Dienstverhältnisses.Zentrales Brauchelement ist die ,, Pritsche", eine glockenförmige Krone ausLaub, die von Pritschenträgern getragen wird.

Grundlage des 1999 erschienenen Buchs von Walter Trübswasser ist seineDiplomarbeit gleichen Themas am Institut für Europäische Ethnologie derUniversität Wien. Im Zentrum seiner Arbeit steht der Einzug der Weinhüter,ein Brauch, der sich im Gegensatz zu den meisten Winzerfesten im UmlandWiens im 20. Jahrhundert ,, ausgedehnter und weitreichender( S. 9) ent-wickelt hat. Beginnend bei Erklärungen über die Weinhüter, ihre Aufgabenund Pflichten, stellt der Autor im Kapitel 3 Überlegungen an, wie derViehpatron Leonhard zum Perchtoldsdorfer Weinheiligen wurde. Eine ei-genwillig anmutende, heute ins Jahr 1422 zurückdatierte, aitiologischeErzählung berichtet von der Entstehung des Brauchs: Ein von Brauhausbur-schen oder Dieben fast erschlagener Hüter soll in jenem Haus, in welchemheute die Pritsche sowie die Standarten für den Einzug aufbewahrt werden,gesund gepflegt worden sein. Am Leonharditag konnte er erstmals wiederin die Kirche humpeln. Die vom Autor angestellten Verbindungen dieser, alsAuferstehungsmythos gedeuteten Erzählung zu magisch- kultischen Handlun-gen, scheinen überaus gewagt, bilden nichtsdestoweniger einen interessantenGedankengang. Ähnliches gilt für die Ausführungen über die Pritsche, dieletztlich in einen Zusammenhang mit der Frau Percht gebracht wird.

Das vierte Kapitel widmet Walter Trübswasser der Beschreibung desBrauchablaufs. Neben der Darstellung der gegenwärtigen Erscheinungs-form berücksichtigt er stets historische Komponenten und zeigt so dieEntwicklung hin zur heutigen Ausprägung: Am Beginn steht das Baumstel-len, ein aus einer mittelalterlichen Rechtsübung entstandenes Brauchelement.In den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts ritualisiert, stellt es sich heute alswesentlicher Bestandteil der Vorbereitungen zum Hütereinzug dar. Untersu-chungen über die Hüterhütten, das Hütervateramt sowie eine detaillierte Schil-derung über weitere, zahlreiche Vorbereitungen, etwa der Herstellung einesHerzens aus Walnüssen und Holzspänen oder das Weinsammeln, führen zurBeschreibung des Festes, dem Einzug und dem Absingen der Gstanzeln. In