Österreichische Zeitschrift für Volkskunde
Band LV/ 104, Wien 2001, 245-262
Die Aneignung von Tradition
Der Bedeutungswandel der Jagd in den italienischen Alpen
Jaro Stacul
In diesem Beitrag wird die veränderte Bedeutung des Jagensin den italienischen Alpen als Reaktion auf regionalistischepolitische Bewegungen in Norditalien in den 90er Jahrenerklärt. Dieser Prozeß zeigt, wie das Jagen nicht nur einesymbolische Naturaneignung bedeuten, sondern ebenso alsSymbol von lokaler Identität dienen kann. Denn im italie-nischsprachigen Vanoi- Tal eignen sich die Jäger die Jagdge-bräuche der benachbarten Südtiroler mit dem Ziel an, einelokale Tradition zu kreieren und damit eine Unterscheidunggegenüber dem italienischen Staat herzustellen. Doch dieseAneignung einer Tiroler Tradition heißt auch, das Jagen mitneuen Bedeutungen etwa in bezug auf privates Eigentum zuversehen. Das in diesem Aufsatz vertretene Argument gehtdaher vor allem in eine Richtung: Regionale( oder ethnische)Unterschiede werden nicht nur durch das Festhalten an deneigenen kulturellen Symbolen, sondern auch durch die Aneig-nung und Neuinterpretation von Symbolen anderer ethnischerGruppen hergestellt und dies umso stärker, wenn, wie imFalle des Trentinos, eine Unterscheidung zum allumfassendenitalienischen Staat gesucht wird.
Einführung
Diese Arbeit will zum Verstehen des aktuellen Regionalismus inWesteuropa beitragen. Ihr Hauptaugenmerk ist primär auf den augen-scheinlichen Widerspruch zwischen dem Konzept einer„, europäi-schen“ und einer lokalen und/ oder regionalen Identität gerichtet.Dabei sollen örtliche Spezifika und die lokale Identität in den italie-nischen Alpen im Zusammenhang mit dem Aufstieg regionalistischerund separatistischer politischer Bewegungen im Norditalien der frü-hen 1990er Jahre analysiert werden. Denn diese Bewegungen machennicht nur jeweils eine bestimmte Region zum Zentrum ihrer politi-schen Identifikation, sie betonen im konkreten Fall zugleich auch die