Österreichische Zeitschrift für Volkskunde
Band LV/ 104, Wien 2001, 263-312
Volkskundliche Fotografie 1914 bis 1945
Ulrich Hägele
In der deutschsprachigen Volkskunde lassen sich während derZwischenkriegszeit im Umgang mit dem Medium Fotografiedrei Modelle fixieren. Der ethnographische Ansatz blieb eineRanderscheinung. Lediglich in der Schweiz und in Frankreichgab es Feldstudien, die neben schriftlichen und mündlichenZeugnissen auch ikonographische Quellen heranzogen. We-sentliche Anregungen der dokumentarischen Fotografie stam-men aus den USA. Kennzeichen sind: Personalisierung undEntidyllisierung des Abgebildeten. Die völkische Herange-hensweise überlagerte in Deutschland und Österreich mitihrer exzessiven Medienpräsenz andere Zugänge fast voll-kommen. Hierbei arbeiteten Fotografen, Wissenschaftler undMuseumsleute Hand in Hand. Damit wurde eine flächen-deckende Infiltrierung der ,, Volksgenossen“ mit dem Rasse-gedanken erst möglich.
In den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg stürzten sich die illustriertenMedien begierig auf die volkskundliche Fotografie. Thematisch ori-entierten sich die Bilder am Kanon, den Michael Haberlandt undEduard Hoffmann- Krayer in ihren programmatischen Texten als ka-meratauglich eingestuft hatten.' Während noch im 19. Jahrhunderthauptsächlich Atelierfotografen Trachten, Bauernhäuser, Volkskunstund Fasnachtsmasken auf Platte bannten, erhielten nun immer mehr,, hervorragende Amateurphotographen" die Gelegenheit, sich mitvolkskundlichen Themen zu beschäftigen. Unterstützt und ermuntertwurden sie dabei von den nationalen und regionalen volkskundlichenVereinigungen, die in ihren Publikationen regelmäßig Aufrufe zurvisuellen Rettung der vom Verschwinden bedrohten Objektivationen
1 Vgl. Hägele, Ulrich: Visuelle Tradierung des Popularen. Zur frühen Rezeptionvolkskundlicher Fotografie. In: Zeitschrift für Volkskunde, Jg. 93( 1997), Heft 2,S. 159-188.
2 Vgl. Minden, Georg: Die Entstehung des Berliner Volkstrachtenmuseums, jetztKönigliche Sammlung für deutsche Volkskunde. In: Zeitschrift des Vereins fürVolkskunde, Jg. 24( 1914), Heft 2, S. 337-349, hier S. 341.