Jahrgang 
104 (2001) / N.S. 55
Seite
341
Einzelbild herunterladen
 

2001, Heft 3

Chronik der Volkskunde

19. ICOM- Generalkonferenz in Barcelona, 1.- 7. Juli 2001Eindrücke aus der Perspektive des Costume Committee

341

ICOM öffnete, wie schon so manches Mal woanders erlebt, auch in derkatalanischen Metropole Türen, die dem, gewöhnlichen Kulturreisendenverschlossen bleiben. Barcelona ist derart reich an Kunstschätzen, wunder-baren Sammlungen, modernen Museumsbauten, daß man selbst in einerWoche nur einen Bruchteil dessen für sich erschließen kann. Eingebettet indas Rahmenprogramm des Großkongresses, hatte die lokale Kollegin, RosaMaria Martín i Ros, Direktorin des Museu Tèxtil i d'Indumentària( Textil-und Kostümmuseum), für eine diesmal bedauerlicher-, aber wegen derrelativ hohen Kongreßkosten verständlicherweise kleine Gruppe von Ko-stümkundlerinnen( und einen Herrn in ihrer Runde) ein Spezialprogrammzusammengestellt, das zwar durchaus interessant war, aber auf Grund orga-nisatorischer Schwächen zum Teil nur mäßigen Genuß bereitete.

Die geführten Touren des Komitees starteten geglückt im Palast derGeneralitat, dem Regierungsgebäude der selbständigen Region Katalo-nien und Sitz des Parlamentspräsidenten. Neben dem St. Georgs Ante-pendium( in reicher Gold- und Silberstickerei von Antoni Sadurní 1451)und flämischen Tapisserien von G. Pannemaker( 16. Jahrhundert) bliebbesonders der mit Orangenbäumen bestückte Hofgarten in Erinnerung,dessen duftende Orangenblüten angeblich in früheren Jahrhundertenohne Kanalisation den Gestank des sommerlich überhitzten gotischenViertels der Stadt übertönen helfen sollten. Daran schloß sich eine aus-führliche Besichtigung der Kathedrale und des an diesem Abend nur fürdie Komiteemitglieder zugänglichen Kirchenschatzes und ein gemeinsa-mes Abendessen des Komitees.

Die Exkursion des Kostümkomitees führte am nächsten Tag nach Girona,berühmt für ihr historisches jüdisches Viertel, die Kathedrale samt Schatz-kammer, den Bischofspalast, heute Sitz des Museu d'Art( Diözesanmu-seum) und die wunderbare Kirche Sant Felíu. Den tiefsten Eindruck diesesTages hinterließ der berühmte Schöpfungsteppich aus dem 11.- 12. Jahrhun-dert, ein Meisterwerk der Textilkunst und eine Fundgrube für volkskund-lich- ikonographische Studien. Er zeigt in der Mitte den Schöpfer, rundumdie Erschaffung der Welt mit den einzelnen Schöpfungstagen und in einerweiteren Umrahmung Jahreszeiten- und Monatsdarstellungen. Leider wardiese Kathedralenführung, wie auch bereits jene des Vortages, getrübt durchunzureichende Übersetzungen und ermüdende Stehzeiten aufgrund man-gelnder Programmkoordination. Gerne hätte man hier eine profundere fach-liche Erläuterung gehabt.