2001, Heft 3
Literatur der Volkskunde
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führer und Propagandisten der 1893 so benannten ,, Christlichsozialen Par-tei“( S. 142) aufsteigt.
Eine solche Akzentsetzung und Personalisierung von Geschichte ist imSinn traditioneller Geschichtsschreibung klassisch zu nennen und in ihrerhistoriographischen Einseitigkeit und politischen Konsequenz zu Rechtkritisiert worden; doch im Hinblick auf die Geschichte Wiens kann dieKonzentration auf diese beiden Protagonisten und Kontrahenten( vgl. zumVerhältnis zwischen Kaiser Franz Josef und Karl Lueger, S. 143) interessan-te Aufschlüsse geben auch für die Stadt des 20. Jahrhunderts. Dazu aller-dings hätte eine solche Fokussierung konsequenter und systematischerausfallen müssen: Zumal die Popularität beider, deren historische und ge-sellschaftliche Hintergründe, ist nur am Rande Thema, ist aber meinesErachtens für das Verständnis des 19. Jahrhunderts in Wien, das eben nie nurAufbruch, sondern immer auch Rückwendung bedeutete, von besonderemGewicht.
Somit bietet Öhlingers Darstellung einen informativen und soliden Über-blick zur Geschichte der Stadt des 19. Jahrhunderts, einer Stadt im 19. Jahr-hundert. Warum aber dieses 19. Jahrhundert in Wien so und nicht andersverlaufen ist, warum dieses Jahrhundert so weit hineinreicht in das 20. Jahr-hundert, diese grundsätzlichen Fragen werden allenfalls angeschnitten, blei-ben aber im wesentlichen unbeantwortet. Mit einer entschiedeneren Akzen-tuierung jedoch hätte Öhlinger zweifellos interessante und weiterführendeDeutungslinien eröffnen können.
Klara Löffler
MATTL, Siegfried: Wien im 20. Jahrhundert(= Geschichte Wiens,Bd. VI.). Salzburg, Verlag Pichler, 192 Seiten, zahlreiche Farb- undSchwarzweißabbildungen.
Er tanzt aus der Reihe, dieser letzte Band zur Geschichte Wiens aus derEdition Wien des Pichler Verlages, auch wenn es zunächst nicht den An-schein hat. Wie im oben besprochenen Band werden die neun Hauptkapiteldes vorliegenden Bandes jeweils von ,, Themenschwerpunkten“ flankiert,findet sich im Anhang eine Zeittafel, die zitierte Literatur, ein Bild- undQuellennachweis. Doch hat sich Siegfried Mattl- nur scheinbar- aus derChronologie der Ereignisse im 20. Jahrhundert verabschiedet. Er hat sichfür eine ,, Auswahl von geschichtlichen Problemstellungen, wie sie durchdie Konfrontation von Veränderung und Beharrung aktualisiert werden"( S. 6) entschieden, er schlägt Perspektiven vor, ohne diese als einzig mög-